Venedig: Zwei Männerleben

»The Card Counter« (2021)

»The Card Counter« (2021)

Beim Filmfestival Venedig wird Paul Schraders »The Card Counter« als Favorit für den Goldenen Löwen gehandelt und Paolo Sorrentinos »È stata la mano di Dio« avanciert zum Publikumsliebling

Paul Schraders große Filmkarriere begann in Cannes, als dort »Taxi Driver«, für den er das Drehbuch geschrieben hat, die Goldene Palme gewann. 45 Jahre später erlebt der 75-jährige amerikanische Drehbuchautor und Regisseur nun in Venedig ein nochmaliges Karrierehoch.

Vor vier Jahren erntete er für seinen Umweltaktivistendrama »First Reformed« dort viel Kritikerzuspruch – und später seine erste Oscarnominierung. Für »The Card Counter«, den er im diesjährigen Wettbewerb vorstellte, könnte es nun sogar der Goldene Löwe werden.

Oscar Isaac spielt einen typischen Schrader-Helden in »Taxi Driver«-Nachfolge: Sozial isoliert, ohne Beziehung oder Familie lebt seine Figur des William Tell ganz in seiner eigenen Welt. Seinen Lebensunterhalt verdient er beim Black-Jack-Spiel im Casino. Immer nur so viel gewinnend, dass es nicht auffällt, zieht er von Spielstätte zu Spielstätte. Fast jede seiner Handlungen vollzieht er nach festen Regeln und Ritualen – etwas, was er im Gefängnis gelernt hat.

Wofür Tell saß, stellt der Film erst etwas später klar: Als Soldat war er in Abu Ghraib an Folterungen beteiligt. Dann tritt mit Cirk (Tye Sheridan) der Sohn eines ebenfalls beteiligten und verurteilten Soldaten auf ihn zu. Cirk will sich an jenem Vorgesetzten rächen, der für die Folterpraktiken verantwortlich war, aber nicht angeklagt wurde. Tell möchte beim Racheplan nicht mitmachen, aber dennoch dem Jungen helfen. Er steigt ins Pokerbusiness ein, um an mehr Geld zu kommen. Die Gesellschaft sowohl des Jungen als auch einer von Tiffany Haddish gespielten Spielvermittlerin verändert sein Leben mehr als er es anfangs zulassen möchte.

Mit großer Erzähldisziplin, atmosphärisch so kalt wie bedeutungsreich, gelingt es Schrader, die gegensätzlichen Elemente von Spieler-Film und amerikanischer Vergangenheitsbewältigung zu verbinden. Wenige Szenen reichen ihm, um in »The Card Counter« den vollen Horror der Folterpraktiken in Erinnerung zu rufen und das Schuld-Trauma seines Helden zu verdeutlichen. Nie geht es um dabei um das Entschuldigen derer, die »nur nach Befehl« gehandelt hätten.

Ohne allzu explizite Gewaltszenen liefert Schraders Film tiefe Einblicke in menschliche Abgründe – und in die ebenso menschlichen Anstrengungen da wieder herauszufinden. Oscar Isaac in der Titelrolle wahrt nach außen die Beherrschung eines längst Abgestumpften, macht aber zugleich sichtbar, wie groß die Sehnsucht nach irgendeiner Art Vergebung ist. »The Card Counter« ist großes Kino mit moralischem Tiefgang – und damit jetzt schon ein heißer Favorit auf den Löwen.

Wo sich bei Schrader die calvinistische Strenge seiner Herkunft mehr denn je in den Filmen niederzuschlagen scheint, meint man beim italienischen Regisseur Paolo Sorrentino einen Hang zur Ausschmückung auszumachen. Mit »È stata la mano di Dio« (Es war die Hand Gottes) legt Sorrentino seinen bislang persönlichsten Film vor. Hauptfigur in dem zwischen 1984 und 1986 in Neapel spielenden Film ist der 16-jährige Fabietto (Filippo Scotti), Alter ego des Regisseurs.

Aus seiner Perspektive wird eine Welt gezeigt, in der zu Beginn keine Familientragödie so schwer wiegt wie die Frage danach, ob Diego Maradona beim SSC Neapel unterschreiben wird. In anekdotenhaften Szenen erzählt Sorrentino von familiären und nachbarschaftlichen Beziehungen, die oft grob und innig zugleich sind. Vorbild ist dabei unübersehbar Landsmann Federico Fellini, der als »Cameo« sogar selbst auftaucht.

Sorrentinos Film ist voller Einfälle und stimmungsvoller Momentaufnahmen, die weniger die Ära der 80er einfangen als ein Aufwachsen in einem kollektiven Zusammenhang, in dem die wenigsten Beziehungen selbst gewählte sind. Erst als Fabietto eigene Freunde macht, kann sein Erwachsenwerden beginnen. Davor aber ereignet sich eine Tragödie, die dann doch Maradonas berühmtes »Hand Gottes«-Tor in den Schatten stellt. Mit viel Beifall begrüßt, eroberte sich »È stata la mano di Dio« den Status des frühen Publikumslieblings am Lido.

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