Interview: Ari Aster über seinen Film »Midsommar«

Ari Aster am Set von »Hereditary« (2018). © Splendid Film

Ari Aster am Set von »Hereditary« (2018). © Splendid Film

Mr. Aster, würden Sie Ihren neuen Film eigentlich als Horrorfilm bezeichnen?

Nun, »Midsommar« besteht zum Teil zwar aus typischen Horrorelementen. Trotzdem würde ich meinen Film nicht als Horrorfilm beschreiben. Für mich ist er vielmehr ein Märchen – und die Geschichte einer Trennung. Was auch damit zu tun hat, dass unter anderem das Ende einer Beziehung mich zu der Geschichte inspirierte.

Es lassen sich tatsächlich autobiografische Elemente in dem Film finden?

Soweit würde ich nicht gehen. Meine Trennung war nur der Ausgangspunkt, danach setzte schnell die Fiktion ein. Ich würde schon behaupten, dass mir das Schreiben des Drehbuchs dabei geholfen hat, einige persönliche Dinge zu verarbeiten, doch gleichzeitig habe ich sehr darauf geachtet, dass meine besagte Beziehung nicht direkten Eingang ins Skript fand. Die Protagonisten sind also keinesfalls Stellvertreter für mich und meine Ex-Freundin.

Wie kamen Sie dabei darauf, das Ganze in Schweden und im Kontext dieses Mittsommerkultes spielen zu lassen?

Die ursprüngliche Idee hatte nicht ich, sondern die schwedische Produktionsfirma B-Reel. Die fragten, ob ich nicht einen Slasher-Film über so eine heidnische Sekte drehen wolle. Das herkömmliche Slasher-Ding interessierte mich nicht so sehr, aber ein Film in Schweden – die Idee gefiel mir. Weil ich dort noch nie gewesen war, aber ein großer Fan des schwedischen Kinos bin, von Victor Sjöström über Bo Widerberg und Ingmar Bergman bis hin zu Roy Andersson und Ruben Östlund. Davon ließ ich mich also inspirieren, was Gold wert war, denn für meine Trennungsgeschichte fand ich nicht den richtigen Ansatz. Erst in der Kombination fügte sich plötzlich alles zusammen.

An den Kinokassen sind Horrorfilme dieser Tage die einzigen, die außer Superhelden und riesigen Event-Filmen das Publikum anlocken. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Es liegt einfach ein gewisser Fatalismus in der Luft, wenn man sich so umsieht, was politisch auf der ganzen Welt geschieht oder wie schlimm es um den Klimawandel inzwischen bestellt ist. Vermutlich fühlen sich die Leute im Moment besonders depressiv und düster, dazu passt kein Genre besser als Horror. Die dunkle Seite der menschlichen Natur und all das Böse unserer Gesellschaft, das ansonsten in vielen Geschichten eher tabu oder fehl am Platz ist, lässt sich in Horrorgeschichten bestens ausloten. Abgesehen davon erwarten sich die Zuschauer von Horrorfilmen natürlich meistens einen achterbahnartigen Nervenkitzel, mit vielen Schrecksekunden, Schockmomenten und Erleichterung am Schluss. In meinen Arbeiten bekommen sie das zwar nicht, denn mir geht es eher darum, das Publikum zu verstören. Aber ansonsten liegen sie mit solchen Erwartungen ja oft richtig.

Sind nicht außerdem Horrorfilme im Kino besonders gruselig, weil man da nicht einfach das Licht anmachen kann?

Auf jeden Fall. Mit anderen Leuten in einem riesigen dunklen Saal zu sitzen und sich gruseln zu lassen, das ist schon etwas Spezielles. Wohin sonst begibt man sich schon mit lauter Fremden und freut sich darauf, sich in Angst versetzen zu lassen?

Welche Filme haben Ihnen zuletzt besonders das Fürchten gelehrt?

Zuletzt schon eine ganze Weile nicht mehr, wenn ich ehrlich bin. Aber in meiner Jugend gab es viele Filme, die mir echt Angst gemacht haben. Und die ich vor allem auch nicht so schnell wieder losgeworden bin. Brian de Palmas »Carrie« zum Beispiel, oder die Filme von Peter Greenaway. Das Beste, was ich in den letzten Jahren in Sachen Horror gesehen habe, war ein koreanischer Film namens »The Wailing: Die Besessenen«. Ein brillanter Film!

Was war es denn aber überhaupt, warum Sie sich schon als Kind zum Horror hingezogen gefühlt haben?

Ich glaube, das war gerade dieses Gefühl, dass mich diese Filme ganz besonders verstörten und so eine unglaubliche Wirkung auf mich hatten. Ich habe allgemein gerne Filme gesehen, aber es waren eigentlich nur die Horrorfilme, die mir geradezu unter die Haut krochen und mich nicht mehr losließen. Manche fand ich auch abstoßend und verstörend, aber selbst solche eher negativen Reaktionen übten eben einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus – und hinterließen bleibenden Eindruck bei mir.

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