Filmverleih der Filmkultur

Im Mannheimer Filmverleih Drop-Out Cinema steht der Erhalt von Kino- und Filmkultur ranghöher als dicke schwarze Umsatzzahlen
Reanimiert: »El topo« (1970)

Beim genossenschaftlichen Filmverleih Drop-Out Cinema aus Mannheim kann jede/-r Interessierte Mitglied werden. Man hat sich den Erhalt und die Förderung der Film- und Kinokultur in Deutschland auf die Fahnen geschrieben und seit Gründung 2013 schon viel erreicht

Seit der Filmverleih im Zuge der Berlinale 2013 gegründet wurde hat sich eine Menge getan: Die Liste der Filmtitel wurde immer länger und vergangenen Donnerstag startete zudem Millionen (bei uns der "Film der Woche") in ausgewählten deutschen Kinos. Grund genug für epd Film einmal nach dem aktuellen Stand des Genossenschaftsfilmverleihs zu fragen. Drop-Out Vorstand Jörg van Bebber stand uns dazu Rede und Antwort.  

Drop-Out Cinema versteht sich als der erste genossenschaftliche Filmverleih Deutschlands – Inwieweit kauft Ihr Verleih "anders ein" als der Rest? 

Jörg van Bebber: Drop-Out Cinema versteht sich als kultureller Filmarbeit, analog zu den kulturell engagierten Kinovereinen, kommunalen Kinos und ehrenamtlich getragenen Filmclubs. Die Förderlandschaft in Deutschland grenzt durch ihre Förderkriterien weite Teile der Filmkultur aus, schränkt die Auswertung ein (z.B. durch starre Auswertungsfenster). Im Kino sieht man in Deutschland daher nur ein sehr verzerrtes Abbild der weltweiten Filmkultur, z.B. kaum außereuropäisches Kino. Filme die aus den Förderkriterien herausfallen und/oder keine "Playability" haben, finden aher nur auf Festivals statt, jüngstes Beispiel Under the Skin. Da möchten wir gegensteuern. Mein persönliches Ideal wäre ein Kino, das sehr viel stärker wie ein Festival funktioniert und eine Programmvielfalt präsentiert, wie man sie noch nie erlebt hat. Dazu müssten Kinos sehr viel mehr als Event-Veranstalter denken. Nur als Event wird das Kino auf lange Sicht Bestand haben.

Tatsächlich sind daher unfassbar viele großartige Filme auf der Suche nach einem Verleih, und wir können da im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten nur einen Bruchteil verleihtechnisch unterstützen. Hier sind die Auswahlkriterien natürlich sehr subjektiv, Qualität ist nur ein Kriterium, auch für die Ermöglichung von unvergesslichen Kino-Trash-Events wie bei Sharknado und bald Sharknado 2 können wir uns begeistern.

Über das Programm entscheidet letztlich der geschäftsführende Vorstand, denn das Ganze muss ja letztendlich auch wirtschaftlich funktionieren. Wir arbeiten daran, die Prozesse insbesondere für die Mitglieder so transparent wie möglich zu gestalten. Die Mitglieder haben die Möglichkeit, die Filme vorab zu sichten und mit auszuwählen. Einen formalen Abstimmungsprozess gibt es aber nicht. Der Vorstand entscheidet, und jedes Mitglied hat die Möglichkeit, sich in den Vorstand wählen zu lassen. Eine basisdemokratische Struktur mag in einem kleinen Kino funktionieren, aber auf der Ebene des Filmverleihs sind viele, rasche Entscheidungen nötig.

Satzungszweck ist bei Drop-Out Cinema die "Förderung der Film- und Kinokultur" – Was können Sie nach einem Jahr genossenschaftlicher Filmförderung berichten und wie ist die Beteiligung/Resonanz aus eben jener Kultur?

Die Resonanz ist - gerade bei den Kinobetreibern - doch durchweg positiv, ermöglichen wir es doch den Kinos, Einfluss auf die Ebene des Verleihs zu nehmen. Immer wieder höre ich den Satz "Sowas wie Drop-Out Cinema hat bisher gefehlt" - und genau das ist ja auch für mich der Impuls gewesen, die Genossenschaft zu gründen.

Die Distribution ist der Dreh- und Angelpunkt der Filmwirtschaft, quasi das Machtzentrum. Der Kino-Verleih entscheidet darüber, welcher Film das Licht der Öffentlichkeit erblickt und welcher nicht. Will man nicht einfach nur den von Förderung deformierten Markt regieren lassen, muss man hier ansetzen.

Und leider ist auch die Filmpresse traditionsgemäß noch immer sehr stark auf die "Instituition Kino" fixiert und berichtet brav im Feuilleton über jedes Kino-Release, während seit dreißig Jahren zunehmend die weitaus spannenderen Filme direkt auf Video erscheinen oder spätnachts im Fernsehen laufen. Zwei unserer Filme sind z.B. im Rahmen des "Kleinen Fernsehspiels" entstanden, ein Nachmitternachtsformat. Da das ZDF wenig Rücksicht auf Auswertungsfenster nimmt, sind diese Filme für eine Verleihförderung quasi gestorben.

Dementsprechend können wir bisher darauf zurückblicken, einige Filme vor einem Direct-to-DVD- bzw. Direct-to-TV-Schicksal gerettet zu haben, so Fatima Abollahyans Doku Freedom Bus, die The Asylum-Produktion Sharknado, die Re-Releases von Alejandro Jodorowskys El Topo und Der heilige Berg, Marvin Krens Blutgletscher, Michal Kosakowskis Zero Killed, Lorenzo Bianchinis Across the River, Brendan Muldowneys Love Eternal, Fabian Möhrkes Millionen. Demnächst The King of Pigs, Dario Argentos Dracula , Sharknado 2 und das Re-Release von The Texas Chainsaw Massacre. Allesamt Filme, die kein Verleih haben wollte, obwohl z.T. vielfach preisgekrönt.

Insbesondere die Klassiker-Wiederaufführungen waren für uns ein Erfolg, an den wir unbedingt anknüpfen wollen: Gerade nach der Kino-Digitalisierung ergeben sich ja völlig neue Möglichkeiten. Ganze Retrospektiven haben nun auf einer Festplatte Platz und könnten so günstig von Kino zu Kino versendet werden. Mittlerweile zählt die Genossenschaft dreißig Mitglieder. Die eingezahlten Geschäftsanteile  und ein erheblicher Anteil an ehrenamtlichem Engagement tragen dazu bei, dass nicht jedes Verleihprojekt unterm Strich schwarze Zahlen schreiben muss.

Blutgletscher wurde von Ihnen schon knapp einen Monat nach Kino-Release als DVD/BluRay und als VoD released. Sehen Sie hier Möglichkeiten für Independents und Nischenfilme?

Für jeden Film ist eine individuelle Release-Strategie nötig, insbesondere wenn keine Verleihfördergelder zur Verfügung stehen oder man bewusst auf Förderung verzichtet, um alle Freiheiten in der Auswertung zu genießen.  Gerade für "Independents" (was für mich in Deutschland heißt: Filme ohne Förderung, ohne TV-Beteiligung und sonstige große Geldgeber) ist VoD eine große Chance, und sollte es den Filmemachern (oder uns als Verleih) gelingen einen Hype und eine große Nachfrage nach einem Film zu generieren, dann sollte man diese Nachfrage möglichst bedienen können. Mit VoD ist dies so einfach wie noch nie. Inwieweit es schlau ist, dem Kino eine gewisse Exklusivität einzuräumen, sollte man von Film zu Film entscheiden.

Sollten auch große Filmverleiher über zeitnahe Home Video/VoD- oder gar über Day-and-Date -Releases nachdenken? 

Ich denke, darüber denken die großen Filmverleiher bereits schon sehr lange nach. Bevor sich aber etwas tut, müsste die Branche aber erstmal in Schieflage geraten, denn bisher verfährt die Branche nach dem Credo "Never change a winning Team". Bisher gibt es den "Content", der in der klassischen Auswertung funktioniert. Durch die Förderlandschaft ist das System auch festzementiert. Weder für die Produzenten noch die Verleiher gibt es, bei entsprechender Förderung, kaum unternehmerisches Risiko.

Das Interview führte Christian Hein

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