Baad Fuking - Diagonale Graz

"Bad Fucking"

© Verleih

Die Diagonale in Graz zeigte das Ganze Spektrum des österreichischen Films, vom Experimentellen bis hin zum Publikumsrenner

www.filmfernsehfreunde.at heißt die Webseite mit dem Agitations-Video, auf der sich auch für eine nationale Quote beim österreichischen Fernsehen unterschreiben lässt. Laut Forderung dort sollen in Zukunft mindestens zwanzig Prozent der Gebühreneinnahmen des ORF an österreichische Produktionen gehen. Dahinter stecken aber nicht Nationalisten von FPÖ und Konsorten, sondern die Filmschaffenden des Landes. Ab diesem Jahr nämlich, so hat die Regierung beschlossen, sollen  die jährlichen 58 Millionen sogenannter Gebühren-Refundierung gestrichen werden, mit denen der Sender bisher neben Werbung und Gebühren sein Budget bestritt. Das Fernsehen droht nun damit, die Aufträge um ein Drittel herunter zu fahren: Eine Maßnahme, von der nach Angaben aus der Branche etwa 1.500 dort direkt oder indirekt Beschäftigte betroffen wären. Da wäre die 20-Prozent-Quote zumindest eine kleine Absicherung.

Und ein großes Thema für die österreichische Filmszene, wie der kämpferische Grundtenor vieler Statements bei der Preisverleihung der diesjährigen Diagonale zeigte. Hoffnung auf Wirkung gibt es. Denn das Grazer Filmfestival ist ja nicht nur ganz offiziell DAS "Festival des österreichischen Films". Es wurde von Leiterin Barbara Pichler und ihrem Team in den letzten Jahren auch gezielt von der Filmleistungsschau in  einen quicklebendigen Branchentreff verwandelt, der die Vielfalt österreichischer Filmkultur nicht nur abbildet, sondern auch mit kreiert.

Filme gibt es selbstverständlich auch, wobei das Spektrum vom Wiener Experimentalfilm über den Austria Pulp bis zu dem Publikumsrenner Bad Fucking (Aussprache: baad fuking) von Harald Sicheritz reicht - wobei dies in Verbindung mit einem aktuellen deutschen Erfolgsfilm eine baldige deutsch-österreichische Fuck-Titel-Schwemme befürchten lässt.

In der Anzahl und Qualität der Produktionen lagen die Dokumentarfilme dabei vorn, wobei die enorme Summe von insgesamt 167.000 Euro vergebenen Preisgeldern insgesamt zur Zufriedenheit von Publikum und Kritik verteilt wurden. Irritierend nur, dass der Große Preis für den besten österreichischen Spielfilm mit Der letzte Tanz von Houchang Allahyari an einen Film ging, der neben einer klischeehaft schematischen Figurenaufstellung auch sexuelle Verhältnisse zu Pflegebefohlenen romantisiert. Der Dokumentarfilmpreis ging verdient an die gestandene Dokumentaristin Ruth Beckermann, die in Those who go Those who stay einen formal ungewöhnlich offen angelegten Erkundungsgang zu Situationen des Exils und der Migration durch Europa und den Nahen Osten anzettelt.

Neben einem Porträt des Dokumentaristen Manfred Neuwirth und einer Peter-Lorre-Hommage gab es als besonderes Schmankerl ein Jubiläums-Programm zum 50. Geburtstag des Österreichischen Filmmuseums, das in fünf Schwerpunkten Schätze der Sammlung "nach ihrem  Österreich-Bezug befragt". Dabei sind die Grenzen weit offen, so dass neben der Begegnung eines französischen Filmteams mit Passanten auf dem Wiener Naschmarkt 1920 und einem irrlichternd flickernden Vermonter Baum von Kurt Kren (37/38 Tree again, 1978) ein Zweiminüter des litauischen New Yorkers Jonas Mekas stehen konnte, der einen glitzerweiß kostümierten Elvis zu einem Strauss-Walzer rocken lässt. Weltläufigkeit zeigt das Filmarchiv auch in der Sorgfalt und Hingabe, mit der es sich neben regionalen Raritäten dem Erhalt des Werks des unabhängigen US-Filmkünstlers James Benning widmet. Dessen 1986 entstandene Arbeit Landscape Suicide wurde - begleitet von einer Ausstellung im Kunsthaus - zum Abschluss in einer wunderbar zartschmelzigen frisch restaurierten 16-mm-Kopie vorgeführt.

Es ist auch Tradition in Graz, dass ein internationaler  Filmpraktiker mit Beispielen und einem ausführlichen Werkstattgespräch vorgestellt wird. In diesem Jahr war das die französische Kamerafrau Agnès Godard, die seit langem zu den weltweit bedeutendsten innovativen Ausnahmetalenten des europäischen Filmschaffens gehört und die Arbeit mit der Kamera - neben selbstverständlicher technischer Meisterschaft - im Wesentlichen als kommunikatives Ereignis versteht, bei dem es vor allem auf die (oft improvisierte) Begegnung im Hier und  Jetzt der Aufnahme ankommt. Was sie sich von der Regie wünscht? Reisen in ferne unbekannte Länder - selbstverständlich metaphorisch filmsprachlich gemeint.

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