Kritik zu Wovon sollen wir träumen

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Milena Aboyan und Constantin Hatz erzählen von drei unterschiedlichen Frauen, die jeweils eigene Emanzipationsstrategien im Umgang mit häuslicher Gewalt und Rassismus wählen

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Die Leben dreier Frauen kreuzen sich zufällig: Die junge Kurdin Evîn will bei der Tafel Lebensmittel abholen, hat aber ihren Berechtigungsschein vergessen. Sie wird weggeschickt und beginnt, mit den Verantwortlichen zu diskutieren. Als der Mann in der Schlange hinter ihr ungeduldig wird und sie rassistisch beleidigt, mischt sich Laura ein, um Evîn zu verteidigen. Es wird laut. Die Polizei kommt, um zu schlichten, Polizistin Julia deeskaliert die Situation. Bei dieser ersten Begegnung stehen alle Frauen in völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen (Macht-)Positionen: Evîn (Bayan Layla) lebt mit ihrem Vater und Geschwistern in einem Geflüchtetenheim. In Deutschland geduldet, aber ohne Arbeitserlaubnis oder Perspektive, mit den Gedanken bei Verwandten in Rojava. Laura (Luisa Aschenbrenner) ist nach verbüßter Haftstrafe tagsüber auf Freigang und nur auf Probe Teil der Gesellschaft. Jeden Abend muss sie zurück ins Gefängnis. Polizistin Julia (Lea van Acken) ist eine junge Mutter und steht im öffentlichen Raum für die staatliche Exekutive. Wenn sie jedoch zu Hause die Uniform ablegt, steckt sie in einer toxischen Beziehung mit ihrem Mann.

Nachdem Regisseurin Milena Aboyan in ihrem starken Debüt »Elaha« den Fokus auf eine junge Frau und Kritik am streng patriarchalen System gelegt hatte, greift sie in »Wovon sollen wir träumen«, der beim Filmfestival Max Ophüls mit dem Preis der Ökumenischen Jury und Publikumspreis ausgezeichnet wurde, viele Themen auf. Die behutsame Art, mit der die Regisseurin hier gemeinsam mit Constantin Hatz (Co-Autor bei »Elaha«) die Mechanismen einer gewalttätigen Beziehung herausarbeitet, die Dynamiken von Streits, Kontrollsucht und schließlich Übergriffigkeit langsam entfaltet, stellt die häusliche Gewalt in Julias Umfeld auf eine selten gezeigte Art nachvollziehbar dar. Die Kälte und latente Bedrohlichkeit von Julias sterilem Zuhause stehen in Kontrast zu Evîns Unterkunft, in der die Mitbewohner*innen auf Zeit in einer liebevollen Gemeinschaft leben. Evîns regelmäßiges Training in einem Ringerteam und die dominante Rolle, die sie gegenüber dem Vater und dem idealistischen kleinen Bruder einnimmt, sind originell. Bayan Layla, die in »Elaha« die Hauptrolle spielte, gelingt es auch hier, unterdrückte Wut, Trotz und Enttäuschung über die Steine, die ihr die deutsche Bürokratie in den Weg legt, zu verkörpern. Laura schließlich ist eine der seltenen Gewalttäterinnen im Film, sie wird differenziert gezeichnet.

Alle drei Erzählstränge sind für sich spannend, die Protagonistinnen stark besetzt. Ihre narrative Verbindung bleibt jedoch etwas konstruiert und vage, die Auflösung dieser unterschiedlichen Geschichten gelingt nicht ganz. Gern wäre man den einzelnen Figuren weiter gefolgt und tiefer in ihre Leben vorgedrungen. Durch das Aufgreifen vieler Themen – von strukturellem und Alltagsrassismus über den Rojava-Konflikt und häusliche Gewalt bis hin zu menschenfeindlicher Migrationspolitik – ist Aboyan und Hatz dennoch ein politischer und relevanter Film gelungen.

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