Kritik zu Von Trauben und Menschen

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Lebensentwürfe vor Weinlandschaft: Paul Lacoste porträtiert eine Gruppe von Saisonarbeitern auf den Weinfeldern rund um Toulouse

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Es ist eine Welt für sich«, erklärt einer der Protagonisten von Paul Lacostes Dokumentarfilm »Von Trauben und Menschen« in Bezug auf den losen Zirkel von Saisonarbeitern, die sich alljährlich zu Herbstbeginn auf den Weinfeldern Frankreichs einfinden. Dieses Denkbild illustriert Lacostes Film eindrücklich; gemächlich, aber bestimmt zieht die Doku ihre Zuschauer in diese abgeschlossene Welt hinein. Zwar porträtiert der Regisseur einige der Weinpflücker auch in ihrer privaten Umgebung, nichtsdestotrotz fühlt man sich schnell als Teil eines Mikrokosmos, der einem sonst vielleicht verborgen geblieben wäre. Sicherlich ein guter Ausgangspunkt für einen Dokumentarfilm.

Man muss sich mit der mäandernden, nur lose strukturierten Form des Films anfreunden können, um »Von Trauben und Menschen« etwas abzugewinnen. Viel Zeit verbringt der Regisseur damit – wie es der deutsche Titel des Films ja auch verspricht –, der kleinen Gruppe von Arbeitern beim Pflücken von Trauben zuzusehen, ihren entspannten Gesprächen und ausgelassenen Scherzen zu lauschen. Das erzeugt ein authentisches Gefühl für die Dynamik dieser speziellen Arbeitswelt, sorgt aber auch für Ermüdung. Auch die Einzelinterviews mit den Weinpflückern, die so gut wie jede Altersklasse abdecken, werden nicht thematisch zugespitzt, sondern plätschern recht angenehm vor sich hin. Allen Gesprächspartnern, ob jung oder alt, ist jedoch gemein, dass sie sich gegen ein geregeltes, zeitlich exakt getaktetes Arbeitsleben entschieden haben und lieber mit geringen Mitteln zurechtkommen, als sich fest zu verpflichten.

Es gibt aber auch durchaus unterschiedliche Herangehensweisen an den Job, die der Film einander gegenüberstellt. So kann es eine junge Frau kaum erwarten, nach getaner Arbeit der Weinlandschaft zu entkommen, die sie als unerträglich trist empfindet; empört widerspricht ihr daraufhin eine ältere Kollegin, die in den grünen Weinhügeln das Paradies auf Erden sieht. Visuell positioniert sich der Film erstaunlicherweise eher im Sinne der ersten Meinung. Lacostes Film wirkt, von einigen spektakulären Panoramaaufnahmen der Landschaft einmal abgesehen, optisch eher fade. Besonders die Innenräume erscheinen oft grau und ungemütlich, und selbst einige Szenen auf den grünen Feldern muten unwirtlich und kalt an. Das mag Absicht sein oder auch im digitalen Look des Films begründet liegen – in jedem Fall überzeugt »Von Trauben und Menschen« eher auf inhaltlicher als auf visueller Ebene.

Das lässt den Film stellenweise wie einen TV-Beitrag aussehen, bei dem der Voice-over stumm geschaltet wurde. Tatsächlich wäre ein Off-Kommentar sogar ganz hilfreich, bleiben einige Zusammenhänge doch unklar – etwa wo genau die Saisonarbeiter während der Erntezeit unterkommen, wie lange sie sich untereinander kennen und so weiter. So bleibt Lacostes Film ein eher fragmentarischer Blick auf eine schwer fassbare Gruppierung von Menschen, die persönlich wenig miteinander teilen, sich aber alljährlich in unterschiedlicher Zusammensetzung auf den grünen Hügeln rund um Toulouse treffen.

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