Kritik zu The Vigil – Die Totenwache

© Wild Bunch

Eine chassidische Gemeinde in New York bildet den Hintergrund für einen Horrorfilm, der das Thema Schuld einmal anders angeht

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Seit jeher gilt die Spanne zwischen dem Eintritt des Todes eines Menschen und seiner Bestattung als eine heikle Zeit. In ihr kann sich die Seele eines Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits verirren, dann bleibt sie unerlöst im Limbus stecken und sucht schlimmstenfalls die Hinterbliebenen heim. Auch vor dem Zugriff dämonischer Mächte muss sie geschützt werden. Als eine Art Gegenzauber kennt die Menschenwelt das Mittel der Totenwache, bei der der Leichnam unter Beobachtung bleibt und das Sprechen von Gebeten und Beschwörungsformeln einen reibungslosen Übergang befördern soll.

Eine solche Totenwache gibt Keith Thomas’ nach eigenem Drehbuch inszeniertem Debütfilm den Titel. »The Vigil« ist, es lässt sich denken, ein Horrorfilm, denn der zu bewachende Leichnam hat noch eine Rechnung mit dem Diesseits offen – beziehungsweise schleppt etwas mit sich he­rum, das mit »Schuld« nur unzureichend beschrieben ist.

Angesiedelt ist die Geschichte im soziokulturellen Raum einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde in Brooklyn. Yakov, der den Dienst des Schomers, also des Totenwächters übernommen hat, will von dort eigentlich weg. Doch die schiere Geldnot treibt ihn dazu, der Bitte seines Cousins zu entsprechen – so sitzt er nun des Nachts in einem alten Haus in einem dunklen Raum und wacht über den toten Herrn Litvak. Alsbald beschleicht ihn der Verdacht, dass die Stunden bis zum Eintreffen des Bestatters sehr lange, vor allem aber sehr gefährliche Stunden werden könnten.

Für die Zuschauer hingegen gestaltet sich die knapp anderthalbstündige Laufzeit des Films recht kurzweilig, weil »The Vigil« schnell zur Sache kommt und auch in der Folge keine Sperenzchen macht. Grundiert von Michael Yezerskis dräuendem Score knarzt und murmelt, poltert und flüstert es. Eine akustische Dauerbedrohung, die wiederum Zach Kupersteins Kamera dazu veranlasst, in der undurchdringlichen Finsternis herumzubohren und immer neue Schattierungen zutage zu fördern.

Besessenheit ist das rasch etablierte und an und für sich nicht eben neue Thema, dessen filmgeschichtlichen Ausprägungen vom beinharten Terror in »Der Exorzist« bis zum schleichend-intensiven Grusel in »It Follows« reichen und dessen Mittelfeld lang und breit und voller mediokrer Erschreckerfilme ist. Thomas nähert sich dem Gebiet aus eher ungewohnter Richtung, indem er das Motiv der Austreibung des Bösen psychologisch fundiert und im spezifischen religiösen Kontext des chassidischen Judentums ansiedelt. Dabei dient ihm die konkrete politische Ursache des dem Übel zugrunde liegenden Traumas, nämlich Antisemitismus, als zusätzliches Mittel, seine ganz selbstverständlich vom Übernatürlichen handelnde Erzählung zusätzlich zu erden. Denn die verinnerlichte Schuld, die auf dem alten Litvak zeitlebens lastete und die den jungen Yakov nun zu verschlingen droht, ist in Wahrheit die nur vermeintliche Schuld des verfolgten, zufällig Überlebenden.

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