Kritik zu Unstoppable – Außer Kontrolle

© 20th Century Fox

2010
Original-Titel: 
Unstoppable
Filmstart in Deutschland: 
02.12.2010
L: 
95 Min
FSK: 
12

Tony Scott, einer der letzten Handwerker Hollywoods, hat sich der ältesten Filmgattung gewidmet: dem Eisenbahnfilm

Bewertung: 4
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Es mag vermessen klingen, aber vielleicht ist Tony Scott ein besserer, weil konsequenterer Filmemacher als sein großer Bruder Ridley. Auf alle Fälle ist er weniger prätentiös. Das Material seiner Filme sind schillernde Oberflächen, unter denen es irgendwann zu rumoren beginnt. Ein gewaltiger Drive entsteht, ausgelöst durch Emotion, das Unterbewusstsein oder einfach den Zufall, der oft an den Rand der Katastrophe führt wie in dem unterschätzen Robert-de-Niro-Spektakel »Der Fan« oder dem Paranoiathriller »Der Staatsfeind Nr. 1«. Als Techniker der Kinomaschine, die motion und Emotion kurzschließt, macht Tony Scott aus dem Mainstream-Actionkino manchmal eine fast abstrakte Kunst.

Sein neuer Film ist nun ein Eisenbahnfilm, seit den Lumières und ihrem Ankunft eines Zuges ein essenzielles Kinogenre. Der grandiose Anfang von »Unstoppable« wirkt wie eine Reminiszenz an das mechanische Zeitalter: In großen Panoramen zeigt uns Scott ein Pennsylvania der Arbeiter, ihrer Lebensverhältnisse und Probleme, sowie ein Pennsylvania der Eisenbahn, des Streckennetzes, der Rangierbahnhöfe und Lokomotiven.

Der Kosmos der Eisenbahn, den wir in Wirklichkeit als alltäglich hinnehmen, erscheint uns bei Scott plötzlich als fremde Welt: als ein stählerner Organismus, bei dem der kleinste Fehlgriff, die geringste Unachtsamkeit zur Katastrophe führen kann. Um eine Weiche per Hand zu stellen, verlässt ein Lokomotivführer seine rollende Lok. Das hat zwar auch schon Buster Keaton in »Der General« gemacht, aber leider ist unser Maschinist nicht so fit wie einst Keaton. Er schafft es nicht mehr auf die Diesellok, die immer mehr Fahrt aufnimmt und mit ihrer gefährlichen Fracht schließlich in die Ferne donnert.

Tony Scott ist ganz in seinem Element, wenn er den Geisterzug filmt als faszinierend schreckliches Eisenmonster. Beinahe hat man das Gefühl, dieser Dämon der Destruktion rase direkt durch unsere Nervenbahnen. Nichts scheint den Katastrophenzug aufhalten zu können: nur etwas, das selten geworden ist, das Ethos des Arbeiters. Zwei andere Lokführer nämlich, der alternde Frank Barnes, mit Autorität gespielt von Denzel Washington, und sein junger Kollege Will Colson, als unsicherer Heißsporn dargestellt von Chris Pine, nehmen die Verfolgung des Geisterzuges auf. Frank Barnes ist ein Routinier, er kennt die Welt der Eisenbahn wie seine Westentasche. So lässig er sich gibt, er ist in jeder Sekunde aufmerksam. Dass die Eisenbahngesellschaft ausgerechnet so einen erfahrenen Mann wie ihn aufs frühe Altenteil setzen will, ist vielleicht der unterschwellige Grund für die Katastrophe. Aber Eisenbahngesellschaften waren im amerikanischen Kino noch nie auf Seite der Guten.

Gegen Ende des Films geht Scott ein wenig die Puste aus: Die Nebenfiguren entwickeln kein richtiges Leben, es gibt zu viel digitale Tricks. Dennoch ist es schön, den alten Topos des Eisenbahnfilms noch mal zu erleben, wenn Denzel Washington über die Dächer der Waggons läuft, um den Runaway Train einzufangen. Der routinierte Maschinist – er ist zweifellos auch ein Alter Ego für den Filmemacher Tony Scott.

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