Kritik zu Undine

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Christian Petzold spielt in seinem neuen Film mit dem Märchenmythos der Wasserjungfrau und verschränkt dabei die Liebesgeschichte mit einer Hommage an die Wasserstadt Berlin und Anspielungen auf diverse Genreklassiker 

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Immer tiefer hat sich der Autor und Regisseur von »Die innere Sicherheit«, »Barbara« über »Phoenix« bis zur Anna Seghers-Adaption »Transit« in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts geschraubt. Sein neuer Film »Undine« ist dagegen ein zeitlos modernes Spiel mit dem Märchenmythos der Undine, eine Meditation über die Liebe, die Zeit und Raum überwindet, in gewisser Weise also auch eine Geschichte in der Petzold-Tradition der Geisterfrauen, die den Männern Rätsel aufgeben. Oszillierend zwischen nüchterner Sachlichkeit und luftiger Verklärung erlaubt sich der Regisseur hier mehr Romantik als je zuvor.

Am Anfang sitzt Undine an einem Tisch im Garten eines Caférestaurants, ihr Blick ist gesenkt, sie wirkt aufgewühlt, offensichtlich hat der junge Mann gegenüber (Jacob Matschenz) gerade ihre Beziehung beendet. Die irdische Liebe verleiht dem Wasserwesen Undine ewiges Leben, doch sollte ein Liebhaber es wagen, sie zu verlassen, bringt sie ihm den Tod. »Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten«, sagt Undine. Als sie dann aber eine halbe Stunde später zurückkehrt, ist er trotzdem verschwunden. Auf der panischen Suche nach ihm im Inneren des Restaurants kollidiert sie mit Christoph (Franz Rogowski), der sich für den stadthistorischen Vortrag bedanken will, den sie kurz zuvor in der Senatsstelle für Stadtentwicklung gehalten hat. Die Amour fou, die zwischen den beiden zündet, nimmt ihnen den Atem und die Balance und hat zugleich etwas unwirklich Entrücktes. Wie benommen rumst Christoph gegen das riesige Aquarium des Restaurants, das daraufhin krachend zersplittert und seinen Inhalt einem Wasserfall gleich über den beiden ergießt. 

Der berstende Wassertank ist ein wuchtiges Bild für eine Liebe, die aus dem Wasser geboren ist, zwischen der Wasserfrau Undine und dem Industrietaucher Christoph, der mit einem kleinen Team Unterwasser-Reparaturen an den Brückenköpfen Berlins vornimmt. Das Wasser ist ihr Element, es verleiht dieser auf geheimnisvolle Weise unwirklichen Liebesgeschichte eine entrückte Schwerelosigkeit, einen ganz besonderen Zauber, der von den melancholisch perlenden Klängen von Johann Sebastian Bachs Cembalokonzert getragen wird. »Undine« ist ein in vielerlei Hinsicht fluider Film, dessen Stimmung von Filmen wie »20 000 Leagues under the Sea« oder »Creature from the Black Lagoon« inspiriert ist, mit milchig grünen Unterwasserszenerien und geheimnisvoll gedrosselten Schwimmbewegungen im nassen Element.

Wie schon in »Transit« treffen auch hier wieder Paula Beer und Franz Rogowski aufeinander. Schon bei diesen Dreharbeiten hatte Petzold das Bedürfnis, der Liebesgeschichte, die den beiden dort verwehrt war, eine neue Chance zu eröffnen. Zumindest auf Zeit haben die beiden Nina Hoss und Ronald Zehrfeld abgelöst, und Paula Beer wurde in einem Berlinale-Wettbewerbsjahrgang mit starken deutschen Schauspielerleistungen für ihren traumwandlerischen Balanceakt zwischen luftigem Geisterwesen und irdisch sinnlicher Frau zu Recht mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. 

In Filmen wie »Die innere Sicherheit«, »Barbara«, »Phoenix« und »Transit« ist Petzold beharrlich den Spuren nachgegangen, die der deutsche Herbst, der Krieg, die Teilung und die Wiedervereinigung in Deutschland hinterlassen haben. Die gesellschaftspolitische Brisanz der letzten drei historischen Filme fehlt hier. Dennoch schlägt auch »Undine« eine Brücke zwischen Historie und Gegenwart, mit ihren betörend sinnlichen Vorträgen zur Stadtentwicklung vor den historischen Modellen Berlins. Undine lebt seit Hunderten von Jahren, da ist es nur natürlich, dass die Geschichte der Stadt für sie keine trockene Ansammlung von Daten und Fakten ist, sondern gelebtes Leben. Doch wie sie einen im Grunde trockenen Vortrag über das Humboldt-Forum in eine erotische Liebeserklärung verwandelt, das ist schon ein Meisterstück. So entsteht eine große Spannung zwischen den verzauberten Tauchgängen in die Unterwasserwelten Berlins, mit ihrem ganz eigenen Sog, und diesen Exkursionen in die Baugeschichte der Stadt.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der Undine Mythos ist hier nach Berlin verlegt und in eine Liebesgeschichte zwischen der Kunsthistorikerin (Pauls Beer) und dem Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) gehüllt. Undine hat eine unglückliche Beziehung zu Johannes (Jacob Matschenz), dem sie gleich zu Anfang androht ihn umzubringen, wenn er sie verlässt.
In wunderschönen Unterwasseraufnahmen zeigt Christoph Undine seine Welt. Er erleidet einen Unfall. Liegt im Koma im Krankenhaus.
Jetzt kommt der Petzold-Effekt. Realität und Mythos werden verwoben. Ähnlich dem Romeo und Julia Mythos, in dem Romeo seine Julia für tot hält, geht hier Undine in den See, wo die mit Christoph so glückliche Tage verlebt hatte, nachdem sie wie angekündigt Johannes umgebracht hat. Christoph erwacht aus dem Koma und ist vom Fluch der Wassernixe befreit. Er lebt fortan mit seiner Kollegin Monika (Maryam Zaree).
Bereits vorher hatte Kameramann Heinz Fromm sein Meisterstück abgeliefert, als Undine und Christoph in ihrem Lokal von einem platzenden Riesenaquarium hinweggespült werden. Eine kleine Taucherfigur, die an Christoph erinnert, bringt er aus der Tiefe des Sees mit. Erfrischende Kühle unter Wasser. Die Gedanken folgen dem Elementargeist in sein feuchtes Reich. Verträumte Entspannung. Schön, dass es noch solche Filme gibt.

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