Kritik zu Una und Ray

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Eine junge Frau will ihr Leben zurück: Im Theaterstück von David Harrower, das der australische Theaterregisseur Benedict Andrews hier verfilmt, bringt eine Konfrontation eine Menge dunkler Gefühle ans Tageslicht und in Bewegung

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Ein unheimliches Wogen, Rascheln und Rauschen erfasst das dichte Buschwerk im Park, unwillkürlich denkt man an die Parkszene von Antonionis »Blow Up«: Was genau mag da passieren im Verborgenen? Ein Verbrechen? Eine Liebesgeschichte? Diese Vieldeutigkeit schürt der australische Theaterregisseur Benedict Andrews über die ganze Länge seines Filmdebüts, der Verfilmung des 2005 entstandenen Theaterstücks »Blackbird« vom schottischen Bühnenautor David Harrower, das wiederum von einem realen Fall inspiriert war.

Am Anfang zieht ein ernstes Mädchen die Blicke auf sich. Sie sitzt auf der Bank unter einem Baum, gesäumt von biederen Häuserzeilen. Der wache Blick des Mädchens sucht etwas, das ihr Interesse bindet und hat zugleich etwas selbstvergessen Gelangweiltes. Dann steht sie plötzlich mit weit geöffneter Bluse vor einer Tür, ein Raum, in dem gleich etwas passieren wird. Aber was? Dann ein harter Schnitt, wummernde Discomusik, Stroboskopflackern, aus dem Mädchen ist 15 Jahre später eine junge Frau geworden, die auf den Toiletten ruppigen Sex mit einem Fremden geschehen lässt. Am frühen Morgen zu Hause schaut sie nachdenklich auf ein Foto in ihrer Hand. Sie lebt mit ihrer Mutter alleine, die Sehnsucht nach dem Vater steht im Raum. Sie hat einen Entschluss gefasst, den sie ihrer Mutter verheimlicht. Aber was hat sie vor? Wohin geht sie? In ein Gefängnis? Wen besucht sie? Den in Ungnade gefallenen Vater? Eigentlich wünschte man jedem Kinobesucher, dass er diesen Spuren unvoreingenommen nachgehen kann und also besser erst nach dem Sehen weiterlesen sollte.

Der Gebäudekomplex, der wie ein Gefängnis anmutet, ist eine Fabrik, in der Una nach Ray fragt, sie zeigt auf das Foto, das sei Peter, wird ihr mitgeteilt. Sukzessive verdichten sich Erinnerungsflashes aus der Vergangenheit und knapp hingeworfene Bemerkungen im Heute zu einer Rekonstruktion der Ereignisse, die voller Vermutungen und Unsicherheiten bleibt. Ray (Ben Mendelsohn) heißt inzwischen Peter und wirkt alarmiert und abweisend, als Una (Rooney Mara) plötzlich vor ihm steht. Diese wiederum ist fest entschlossen, die verwirrenden Erinnerungen aus ihrer Kindheit zu sortieren. Um jeden Preis will sie sich einen Weg bahnen, durch den Strudel der Gefühle von Liebe, Scham, Angst und Verlorenheit, der im großen Wirbel von Elternsorge, Presseaufgeregtheit, Schuldzuweisungen vor Gericht und in der Nachbarschaft entstanden ist. »Ich hasse das Leben, das ich hatte«, zischt sie dem Mann ins Ohr, und Rooney Mara spielt sie so wie das Mädchen mit dem Dragon Tattoo, mit einer furchterregenden Kälte und Härte, die nur eine Maske ist für die innere Zerbrechlichkeit. Ihr Schicksal hat sie manipulativ und verletzend gemacht. Und die Lagerhallen, Konferenzräume und Kantinen der Firma, in der Ray gerade auf Weisung von oben gezwungen ist, Mitarbeiter zu entlassen, bilden mit ihren makellos weißen Wänden und perfekt sortierten Regalreihen einen schmerzlichen Kontrast zur psychischen Unordnung der Figuren. Vater und Tochter? Opfer und Täter? So einfach liegen die Dinge selten.

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