Kritik zu True North

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Auf einem Schiff mit illegalen Flüchtlingen eskalieren die Konflikte: Steve Hudson behandelt in seinem Debütfilm das Thema Menschenhandel aus der Sicht der Täter, die gewissermaßen auch Opfer sind.

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Westliche Filmproduktionen behandeln das Thema Menschenhandel in der Regel aus der Sicht der Opfer. Der hohe Preis für die Festung Europa lässt sich am besten an denjenigen bemessen, die ihr Leben dafür riskieren, an der westlichen Gesellschaft teilhaben zu dürfen – und sei es erneut als Ausgebeutete und Marginalisierte. Der englische Regisseur Steve Hudson schlägt mit seinem Debütfilm True North einen anderen Weg ein, indem er eine besonders ausgefallene Konstellation heraufbeschwört.

In »True North« gibt es keine bösen Schlepper, die sich am Leid anderer eine goldene Nase verdienen, sondern nur Ausgebeutete. Der schottische Fischkutter Providence steht kurz vor der Pfändung. Der letzte Fang war eine Katastrophe. Um seinem Vater aus der existenziellen Not zu helfen, geht der junge Sean (Martin Compston) in Belgien von Bord, um sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen, den Lagerraum zu füllen. Ein windiger Geschäftsmann (Hark Bohm in einem bemerkenswerten Kurzauftritt) macht ihm ein verlockendes Angebot. 20 Chinesen müssen illegal nach Schottland überführt werden, das Risiko ist gering. Sean und die Hilfskraft Riley (Peter Mullan) schleusen die Illegalen ohne Wissen des Vaters an Bord des Kutters. Anfangs scheint alles glatt zu laufen. Doch dann packt den Kapitän die Existenzangst, und er steuert ins offene Meer, in der Hoffnung auf volle Netze. Und je weiter das Schiff von seinem Ziel abkommt, desto harscher werden die Lebensbedingungen unter Deck.

Hudson gewinnt der Redewendung »Wir sitzen alle in einem Boot« ganz neue Aspekte ab. In »True North« ist jeder vom anderen abhängig, doch die Kräfte sind ungleich verteilt. Während Sean und der unbekümmerte Riley wenigstens noch imstande sind, über ihr Schicksal selbst zu verfügen, sind die Chinesen längst ihrer Menschenwürde beraubt. Ihre Notdurft verrichten sie in Plastikeimern, zu essen gibt es Tütensuppen. Sie sind keine Gefangene, nur Opfer der Umstände. So auch Sean und Riley, die langsam erkennen, dass sie auch eine Verantwortung für die Menschen, die sie transportieren, übernommen haben. Jeder zieht aus dieser Erkenntnis seine eigenen Konsequenzen. Riley entdeckt sein Mitgefühl für die Flüchtlinge, während Sean dem existenziellen Druck nachgibt. Als schließlich ein Chinese stirbt, beginnt die Situation zu eskalieren.

Leider hat Hudson an der Problematik seiner Geschichte nur wenig Interesse. Am Anfang zeigt er noch, wie die Illegalen von ihren Schiebern auf ihre Reise vorbereitet werden, doch je weiter das Drama auf dem Fischkutter fortschreitet, desto mehr verliert der Film seine spezifische Problematik aus dem Blick. Die Chinesen bleiben das humane Zentrum des Films – ohne dass sie als Figuren je in Erscheinung treten würden. Es ist vor allem Mullans differenzierte Darstellung, die der Geschichte emotionalen Nachdruck verleiht.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ein eindrucksvolles, preisgekröntes Spielfilmdebüt von Steve Hudson, in dem er ein aktuelles Problem thematisiert: Migration. Und das gelingt ihm auf grandiose Weise, weil er spannend, aber auch sensibel und mit hinreißenden Bildern erzählt. Die Aufnahmen sind nicht im Studio, sondern auf hoher See gemacht und wirken umwerfend authentisch. Ein Vater-Sohn Problem im Kampf ums Überleben und das alles vor dem Hintergrund einer zugrundegehenden Fischereiindustrie. Ironischerweise ging der Kapitän, dessen Trawler für die Aufnahmen gemietet worden war, kurz nach dem Abschluss der Dreharbeiten in Konkurs. Die Schauspieler Mullan, Lewis und Compston sind für den Job wie geschaffen und müssen bis an ihre physischen Grenzen gehen. Dabei fesseln sie uns bis zum Schluss, wo Hudson noch mit zwei völlig überraschenden Wendungen aufwartet. Ein Wahnsinnsfilm in mehrfacher Hinsicht.

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