Kritik zu Traumland

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Die in der Schweiz geborene und in Berlin lebende Regisseurin Petra Volpe erzählt in ihrem Debütfilm von einem ungemütlichen Weihnachtsabend in Zürich

Bewertung: 2
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3
3 (Stimmen: 1)

Die Stummelstraße, wo Mia mit ihrem Freund und Zuhälter David in einem hässlichen 80er-Jahre-Gebäude wohnt, erinnert an Hitchcocks »Marnie«, nur dass hier statt der Schiffe im Hintergrund permanent Züge vorbeirattern. Und wie Marnies Mutter arbeitet auch Mia als Prostituierte. Mia ist auch die Zentralfigur dieses Films, um die – an einem trotz Lichterketten nie heimeligen Heiligabend in Zürich – alle anderen Personen kreisen: Die Nachbarin, eine einsame spanische Witwe, mit der Mia im Waschkeller im Streit aneinandergerät. Die verheiratete Streetworkerin Judith, die sich zum Sex im Hotelzimmer mit einem für uns nie erkennbaren rätselhaften Mann trifft. Freier Rolf, der Mia für viel Geld zu sich nach Hause zum Weihnachtskaffee einlädt und seinem greisen Vater das Scheitern seiner Ehe verschweigt. Und dann gibt es noch die schwangere Lena, die durch einen Zufall herausfindet, dass ihr Ehemann und der Vater ihrer wohlsituierten Bilderbuchfamilie sich am Straßenstrich bedienen lässt.

Danach hängt der Haussegen im Luxusbungalow schief – und auf der Suche nach Antworten auf das Warum geht die junge Ehefrau auf Recherche ins Rotlichtmilieu, wo sie sich von Mia exemplarisch die Abläufe des Sexgeschäfts erklären lässt. Nachvollziehbar ist diese Suchbewegung nicht wirklich, denn was sie herausfindet, ist jedem einigermaßen aufmerksamen Fernsehzuschauer wohlbekannt. Und der Kontrast zwischen Heile-Welt-Schein und über das Kind hinweg hin- und hergezischelter Boshaftigkeiten zwischen den Eheleuten ist so plakativ gezeichnet, dass es als Groteske vielleicht durchginge, als Drama aber unfreiwillig komisch wirkt.

Ähnlich krass und wenig plausibel sind auch die anderen Episoden in der sexualisierten und hypermaterialistischen Welt des Films, wo (fast) jeder jeden betrügt und verrät und immer wieder Bündel von Franken-Scheinen die Besitzer wechseln. Aber was soll man von einem gehörnten Ehegatten halten, der bei einer Aufführung als Chorleiter einfach davonläuft? Oder von einem Mann, der sich aus heiterem Himmel entschließt, den senilen Vater im Rollstuhl aus dem Krankenhaus nach Hause zu fahren?

Bei fast jeder der Figuren und Geschichten hört man das Drehbuch klappern. So ist am Ende – sicherlich nicht gewollt – der einzige nachvollziehbare Charakter ausgerechnet der untreue deutsche Ehemann (Devid Striesow), den es aus der häuslichen Umklammerung zu den Nutten treibt. Zu rühmen wäre die Darstellung der jungen Luna Zimić Mijović als opferbereite Mia, die detailreiche Ausstattung und die Kamera von Judith Kaufmann, die die weihnachtsgeschmückten Wohnungen und prägnant ausgewählten Züricher Originalschauplätze in ein immer wieder in neuen Schattierungen fröstelndes Licht taucht. So ist »Traumland« am Ende fast ein Klischee eines neuen ungemütlichen Weihnachtsfilms.

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