Kritik zu Tokyo Tribe

Trailer OmU © Rapid Eye Movies

2014
Original-Titel: 
Tokyo Tribe
Filmstart in Deutschland: 
16.07.2015
M: 
L: 
116 Min
FSK: 
16

Mehr ist manchmal tatsächlich mehr: Shion Sono verfilmt Santa Inoues Manga als ein in allen Neonfarben glitzerndes Hip-Hop-Musical

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 3)

Wenn sich die letzten Bilder endgültig im Schwarz des Abspanns verlieren, hat das schon etwas Erlösendes. Der Sturm der Bilder und Worte, der zuvor mit ungeheuerer Wucht über einen hinweggefegt ist, lässt einen erschöpft, wenn nicht gar erschlagen zurück. Alles in Shion Sonos Realverfilmung von Santa Inoues Manga Tokyo Tribe ist Exzess, eine Explosion von Farben und ein Mahlstrom der Bewegungen.

Schon die anfängliche Plansequenz, die den Betrachter in eine Art parallele Realität stürzt, in ein Tokio, in dem die Nacht kein Ende nimmt, ist pure Überforderung. Jeder Winkel der Cinemascope-Bilder quillt über vor Informationen und Reizen. Überall blinken Neonreklamen und tauchen die Szenerie in ein unwirkliches Licht. Die einzelnen Farben scheinen regelrecht ineinanderzubluten. Mitgerissen von Daisuke Somas fast schon schwerelos schwebender Kamera, gleitet man durch dieses ewig blinkende Babylon und begegnet den Menschen, die seine überfüllten Straßen bevölkern. Einige vergisst man sofort wieder, andere bleiben in Erinnerung, etwa die junge Frau, die einem Jungen einen Hamburger besorgen will und dann erst einmal im Chaos der Straßen verschwindet, oder die Alte mit der Sonnenbrille, die an einem Plattenspieler steht und den Beat der Nacht vorgibt, oder der junge Mann mit Hoodie, der sich einem als Guide und Erzähler anbietet.

Dessen Raps sind es auch, die einen ersten Einblick in die bizarre Welt von Tokyo Tribe gewähren. 23 Clans haben die Stadt unter sich aufgeteilt. Jeder von ihnen ist zugleich auch eine Hip-Hop-Crew. Nur werden deren Battles nicht nur mit Worten und Moves ausgetragen – es geht tatsächlich um Leben und Tod. Allein die von den Idealen der Hippie-Ära inspirierten Murashino-Saru setzen sich für ein friedliches Zusammenleben ein. Sie geraten damit zwischen alle Fronten, vor allem nach dem Tod ihres Anführers Tera. Sein Nachfolger aber vereint schließlich die Clans im Kampf gegen den kannibalistischen Yakuza-Boss.

Erinnerungen an Walter Hills neon-strahlendes Rock- und Action-Musical Streets of Fire schwingen in Shion Sonos Bildern mit. Nur geht der radikale japanische Stilist gleich noch ein paar Schritte weiter. Von den Dialogen des ursprünglichen Drehbuchs ist kaum etwas übrig geblieben. Sie sind nahezu vollständig in gerappten Songs aufgegangen. Inoues Hommage an die japanische Hip-Hop-Kultur findet seine kongeniale Umsetzung in einem wüsten Underground-Musical, das sich rückhaltlos den Klischees klassischer Hip-Hop-Musikvideos hingibt. Shion Sono treibt den für dieses Genre so typischen Machismo und den Sexismus konsequent ins Extrem, nur um sie schließlich in einer grandios absurden Wendung in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu entlarven. Das wilde Spiel mit Sci-Fi-Motiven und Martial-Arts-Konventionen, mit Noir-Versatzstücken und Musical-Pathos kippt schließlich in ein subversives Spektakel, das letztlich den Status quo der japanischen Gesellschaft infrage stellt.

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