Kritik zu Tigermilch

© Constantin Film

2017
Original-Titel: 
Tigermilch
Filmstart in Deutschland: 
17.08.2017
L: 
106 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Ute Wieland bringt Stefanie de Velascos Roman über eine Mädchenfreundschaft im heutigen Berlin als Mischung aus Paukerkomödie, Migrantendrama und Milieustudie auf die Leinwand

Bewertung: 3
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Nini lebt mit ihrer Unterschichtfamilie in einem Berliner Hochhaus. Ihre irakische Freundin Jameelah wohnt im Nachbarblock mit ihrer alleinerziehende Mutter, die als Krankenschwester arbeitet. Die beiden verführerischen Kindfrauen betäuben sich mit »Tigermilch«, einem Gebräu aus ihrer Schulmilch, die sie mit Weinbrand strecken. Danach erproben sie auf dem ­Babystrich ihre Wirkung auf Männer: Das klingt nach einem weiteren uninspirierten Film über den Berliner Großstadtdschungel. Obendrein wird die Coming-of-Age-Thematik mit der Utopie einer multikulturellen Gesellschaft verquirlt. Die kluge Irakerin ist in der Schule eine Überfliegerin, Nini dagegen hat drei Fünfen im Zeugnis. Trotzdem sind sie beste Freundinnen. Ihr pulsierendes Lebensgefühl dient als Beispiel für gelebte Integration – ein sperriges Wort, das den beiden natürlich nie in den Sinn käme. Illustrierend und klischeehaft erscheinen unterdessen die Bilder vom Kurfürstendamm, der U-Bahn und den Hochhäusern. Auch die Dialoge klingen ziemlich hölzern.

Doch dann verblüfft der Film mit einer unerwarteten Wendung. Vor Ninis und Jameelahs Augen wird ihre Freundin, die Muslima Jasna (Luma Zimic Mijovic), abgestochen wie ein Stück Vieh. Solche »Ehrenmorde«, die von gewissen Politikern bagatellisiert werden, geschehen in Deutschland – aber nicht im populären Kino. Die von Party und Liebeskummer geprägte Stimmung ist verdorben, das Leben hat die beiden Mädchen eingeholt. Dank dieser Entwicklung gewinnen auch die von Flora Li Thiemann und Emily Kusche anfangs uninspiriert gespielten Figuren an Kontur. Jameelah will der Freundin einimpfen, dass die Polizei außen vor bleiben müsse. Sie hat Angst vor Ausweisung und – mehr noch – vor der Blutrache. Ihr Blick auf die naive deutsche Freundin, die sich all das nicht vorstellen kann, wird neid- und hasserfüllt. Aus gickelnden Girlies sind junge Frauen geworden, die sich kratzend und beißend auf dem Boden wälzen.

Die plötzliche Distanz zwischen den Busenfreundinnen verbildlicht einen Riss, der quer durch die Gesellschaft geht. Leider bleibt dieser Blick in die Parallelgesellschaft etwas vage. Die mit Herrndorfs »Tschick« verglichene Geschichte greift zwar viele wichtige Themen auf, leuchtet sie aber nur schemenhaft aus. Bis hin zur melodramatischen Entwicklung, die zu Jameelahs Abschiebung führt, wirkt der Film konstruiert und überfrachtet. Mit der Betonung von Jugend- und Szenesprache orientiert sich Ute Wielands Adaption des gleichnamigen Romans von Stefanie de Velasco auch an »Fack ju Göhte«. Nach »Boah, nicht schon wieder KZ!« testen die beiden Mädchen ihre eigenen »magischen Worte« aus. Sagt man in der Öffentlichkeit laut »Du Nazi!« oder »Scheide«, so entstehen auch noch 2017 kleine Tumulte. Die Mischung aus Paukerkomödie und Migrantendrama bleibt in Erinnerung, denn sie ist mit einigen Spritzern Blut aus der wirklichen Welt getränkt.

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