Kritik zu Swans – Where Does A Body End?

© Salzgeber

2019
Original-Titel: 
Swans – Where Does A Body End?
Filmstart in Deutschland: 
09.01.2020
M: 
L: 
124 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Sie konkurrieren um den Titel »Lauteste Band der Welt«. Aber vielleicht sollten sie gleich richtig »immersivste Band« heißen. Marco Porsias Dokumentarfilm erzählt die Geschichte der Swans und ihres charismatischen Masterminds Michael Gira

Bewertung: 4
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Vermutlich gibt es keine andere Band auf diesem Planeten, die so andächtige Fanbekenntnisse provoziert hat wie die Swans mit ihrem Frontmann Michael Gira. Im Dokumentarfilm von Marco ­Porsia, der vor allem als Cutter fürs Fernsehen gearbeitet hat, sind sie versammelt. Absolut hart und absolut schön. Schamanistisch. Die Swans verlangen Unterwerfung vom ­Publikum. Gira versucht, »sich in den Himmel zu wühlen, greift nach dem Göttlichen, der Freiheit«. »Way beyond music«, meint zusammenfassend einer ihrer ersten Kritiker, Dele Fadele vom NME.

Ja, bei den Swans kann man schon mal ins Stammeln geraten. Sie sind eine besondere Band, vor allem live. Geboren wurde sie um die Wende zu den Achtzigern in New York, als die Stadt von Kriminalität und Verfall gezeichnet war – etwa so wie in »Joker«, wenn man den Archivfotos trauen darf, die Porsia zusammengetragen hat. In den ehemaligen Armenvierteln von Lower Manhattan, in der Bowery und den Villages trieb eine wütende Underground-Szene den Punk Richtung Art Rock, Industrial, No Wave. Gira, der aus Kalifornien dazustieß, hatte eine wüste Jugend hinter sich. Eigentlich dachte er, er sei zur bildenden Kunst berufen – neben seinen Zeichnungen wirkt Basquiats Street-Art wie das Werk eines Chorknaben. Eine musikalische Ausbildung hatte er nicht.

Die lakonisch betitelten Songs des ersten Swans-Albums »Filth«, das an Pessimismus kaum zu überbieten ist, waren rhythmisch unzuverlässig, irritierend langsam, brachial laut und vorgetragen mit einer Stimme, die Textfragmente buchstäblich ins Mikro knirschte – wenn der Gesang von Joy Divisions Ian Curtis aus der Gruft kam, dann erreichte der von Michael Gira sein Publikum aus einer anderen Dimension. Nicht dass anfangs viel Publikum gewesen wäre; die Swans spielten auf ihren ersten Touren mit Sonic Youth in leeren Clubs. Als die Keyboarderin und Back-up-Sängerin Jarboe dazukam, begann die klassische Phase der Band. Giras Stimme rutschte in den Bauch, der Sound wurde voller – aber nicht leichter zu konsumieren.

Der Film verfolgt die verschiedenen Formationen, musikalischen Mutationen und Spin-offs der Marke Swans durch die Zeit, mit einem Schwerpunkt auf den letzten zehn Jahren, in denen sie erfolgreicher waren denn je – von diesen Konzerten, bei denen psychedelische Klang-Tsunamis von bis zu 50 Minuten Länge übers Publikum hinwegrollen, gibt es mehr Material. Abgesehen von ein paar Überblendungen und atmosphärischen Schwenks durch Landschaften hat »Swans« keine genuin visuellen Einfälle zu bieten. Dafür ersetzt der Film Nicht-Initiierten mehrere Wikipedia-Artikel und eröffnet den Zugang zu einer Szene, die es verzweifelt ernst nahm mit der Musik als Zeitkritik – gegen den Zeitvertreib.

Die Frage, die der Untertitel stellt, beantwortet der inzwischen zenhaft entspannte Gira selbst. »Where does a body end?« Gar nicht; wir stehen in fließender Verbindung mit der Welt um uns herum. Den Beweis hat er mit seiner Musik geliefert: Die hat was Materielles, wie Teilchen, die man über die Haut aufnimmt. Um der Fanpoesie noch was hinzuzufügen.

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