Kritik zu All Is Lost

© Universum

2013
Original-Titel: 
All Is Lost
Filmstart in Deutschland: 
09.01.2014
Musik: 
L: 
106 Min
FSK: 
6

Der alte Mann und das Meer: Acht Tage lang kämpft der grandiose Robert Redford in J. C. Chandors zweiter Regiearbeit ums nackte Überleben. Ein packendes Abenteuer, das fast ohne Worte auskommt

Bewertung: 4
Leserbewertung
4.125
4.1 (Stimmen: 8)

Der junge Pi, einziger Überlebender beim Untergang eines Passagierschiffs, hatte wenigstens noch seinen Tiger. Und Sandra Bullock, verloren in den unendlichen Weiten des Weltraums, ihren George Clooney. Sogar Ryan Reynolds, gefangen in der beklemmenden Schwärze eines Sargs, durfte telefonieren, was das Zeug hielt. Aber »Unser Mann«, wie der Protagonist aus All Is Lost im Abspann genannt wird? Toppt sie alle. Er ist ein heißer Kandidat für den Titel »Einsamster Held der Filmgeschichte«, eine komplett isolierte Figur, gefangen im Hier und Jetzt einer furchtbaren Extremsituation.

Nichts erfahren wir über seine Vorgeschichte, über Sinn und Zweck seiner ursprünglichen Mission. Wir kennen weder seine Gedanken noch hören wir ihn reden (mal abgesehen von einem vergeblichen Funkspruch und einem mehr als angemessenen »Fuck!«). Einen Teil dieses Drehbuchvakuums vermag Robert Redford mit seiner schieren Leinwandpersona zu füllen: bald 80-jährig, ist er immer noch eine faszinierend virile Erscheinung, die hier einerseits den eigenen Mythos in die Waagschale wirft, andererseits eine grandios reduzierte, im besten Sinn uneitle Performance abliefert. Nach mindestens zwei Jahrzehnten, in denen er eher Regisseur und Sundance-Grand-Seigneur war und in seinen wenigen Rollen unauffällige Routine ablieferte, spielt Redford nun wieder voller Präsenz und Präzision. Als »Unser Mann« führt er vor, was es heißt, in der Not ums Überleben zu kämpfen – mit Geschick, Improvisationskunst und stoischem Gleichmut.

Es mag sein, dass der Container, mit dem die Yacht am Anfang kollidiert, die absurden und zerstörerischen Kräfte der Globalisierung symbolisiert. Die aus dem roten Metallbehälter quellenden Turnschuhe, in einem unbekannten Irgendwo billig gefertigt, um in einem anderen Irgendwo teuer verkauft zu werden, könnte man durchaus als bitter-ironisches Statement begreifen. Vielleicht ist der Container aber auch bloß die dramaturgisch notwendige Initiation, der Ruf des Abenteuers. So oder so weckt sein Aufprall unseren Mann unsanft aus dem Schlaf und haut ein beachtliches Leck in die Schiffsseite. Es ist der Beginn einer schicksalhaften Kettenreaktion und Auslöser eines abendfüllenden Rückzugsgefechts. Das Loch lässt sich noch flicken, die Bordtechnik aber fällt den eindringenden Wassermassen unwiderruflich zum Opfer. Funksprüche sind jetzt ebenso unmöglich wie präzises Navigieren, was angesichts des gut ausgestatteten Segelboots noch kein Grund zum Verzweifeln wäre. Aber schon wenig später zieht ein heftiger Sturm heran, der das notdürftig reparierte Schiff erst richtig demoliert.

Es gibt praktisch keine Verbindungslinien zwischen All Is Lost und dem zwei Jahre zurückliegenden Kinodebüt von J. C. Chandor. Der große Crash war eine clevere Aufarbeitung der Bankenkrise, ein wortreiches, urbanes, vielschichtiges Ensemblestück. Für seine zweite Regiearbeit ersann Chandor nun das genaue Gegenteil, ein von jeglichem Ballast befreites Kammerspiel auf hoher See, das die radikalen Prämissen der eingangs erwähnten Life of Pi, Gravity und Buried noch übertrifft. Die Schlichtheit, mit der sein Film ans Werk geht, ist geradezu obsessiv: Es geht, ganz ausschließlich, ums Physische, um Handarbeit, Werkzeuge, Reparaturen, um all die Dinge und Apparate, die an Bord einer mittelgroßen Yacht bedeutsam werden können. In dieser Hinsicht ist All Is Lost ein Lehrstück, eine Art maritime Bedienungsanleitung, die den Reiz des Konkreten zelebriert. Wenn man dem Film dabei etwas vorwerfen kann, dann allenfalls seine ungeheure Rastlosigkeit: Es gibt keinerlei Verschnaufpausen, keine stille Kontemplation oder Verzweiflung. Dieser Protagonist ist wahrhaftig ein Mann der Arbeit, angetrieben auch von der Angst vor der erzählerischen Langeweile.

Denn All Is Lost ist, andererseits, eine sehr abstrakte Versuchsanordnung, die Gefahr läuft, unsere Aufmerksamkeit zu verlieren, weil alles ausgespart bleibt, was uns sonst in Filme hineinzieht: Emotionalität, Biografie, Charakter. In dieser Hinsicht geht Chandor weiter als Alfonso Cuarón im ansonsten strukturell erstaunlich ähnlichen Gravity, in dem es immerhin so etwas wie eine Lovestory und dazu atemberaubende Spezialeffekte und Kamerakunststücke gab. Bei Chandor ist alles Reduktion, er vertraut auf die Intensität des Moments und erzählt ganz unaufdringlich, ohne jeden inszenatorischen Schnickschnack. Wenn die Kamera gegen Ende plötzlich einmal aus den Tiefen des Meeres nach oben schaut und silbern glitzernde Fischschwärme ins Bild setzt, ist das fast schon ein Stilbruch.

Dem zentralen Thema von All Is Lost – dass niemals wirklich alles verloren ist – tut das keinen Abbruch. Der unermüdliche Kampf gegen Wind, Wetter und Wasser, gegen alle Arten von Rückschlägen und Hindernissen, erzählt vor allem vom puren menschlichen Lebens- und Überlebenswillen. Und mündet, im wunderbar ambivalenten Finale, in eine Meditation über das Sterben.

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