Kritik zu Stille Seelen

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Der russische Regisseur Aleksei Fedorchenko erzählt in dieser Literaturverfilmung mit großem Ernst, aber ironischer Doppelbödigkeit vom angeblichen Fortleben heidnischer Traditionen im heutigen Russland

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Nasse Strassen, dichte, dunkle Waldstücke und immer wieder breites, träge fließendes Wasser – zuerst ist es vor allem eine Landschaft, in die Aleksei Fedorchenko den Zuschauer mit seinem Film hineinzieht. Flach, von mäandernden Flüssen durchzogen, geht die Attraktion nicht von ihrer Schönheit aus. Der Himmel ist von ödem Bleigrau, und die Weite der Landschaft wirkt weniger befreiend als bedrückend. Wohin sollte sich hier das Reisen lohnen? Doch da ist die warme Stimme des Erzählers aus dem Off, die diese unbestimmte Ödnis von den ersten Momenten mit melancholischer Poesie auflädt.

Der Erzähler, der sich dem Zuschauer als alleinlebender Angestellter einer Papierfabrik vorstellt (auch das in seiner Unglamourösität bereits charmant), sinniert aus dem Off über die kulturelle Tradition eines hier einst ansässigen, inzwischen vergessenen Volkes finnougrischen Ursprungs, zu dem er selbst gehört: den Merjanern. Als sein Chef, der Direktor der Papierfabrik, ihn bittet, ihm bei der Beerdigung seiner am Vortag verstorbenen Frau zu helfen, stellt sich heraus, dass einige der merjanischen Rituale noch lebendig sind. So fahren die Männer mit der Leiche ganz den Gebräuchen gemäß an ein Flussufer und verbrennen sie dort auf einem Scheiterhaufen, um anschließend die Asche dem Wasser zu übergeben. Auf der Fahrt tauschen sie Erinnerungen aus, was dem Erzähler weitere Gelegenheit gibt, von den heidnischen Eigentümlichkeiten der Merjaner zu erzählen. Etwa dass sie nicht an Götter glauben, nur an die Liebe. Und dass das Wasser bei ihnen eine besondere Rolle spielt. Es ist gleichsam das Paradies, und Ertrinken ist folglich der schönste aller Tode für einen Merjaner. Sich zu ertränken aber wäre wie das Paradies mit Gewalt zu erstürmen; es gilt als unschicklich.

Die beiden Männer in ihrer Melancholie über eine versunkene Kultur und Trauer um eine tote Frau sind so überzeugend, und die Landschaft ist mit markanten Einstellungen so sorgfältig zur Geltung gebracht, dass vor allem außerhalb Russlands nicht jeder Zuschauer gleich den »Witz« dieses Films versteht. Der besteht darin, dass die Merjaner zwar tatsächlich mal die Gegend nördlich von Moskau und östlich von St. Petersburg bewohnt haben, die ethnographischen Details, die ihnen der Erzähler hier zuspricht, aber sind sämtlich frei erfunden.

Das macht den großen Reiz dieses kleinen, so kurz (77 Minuten!) wie kurzweiligen filmischen Juwels aus: die Verbindung von Realismus – größtenteils Originalschauplätze mit ihren heruntergekommenen Holzhäusern, orthodoxen Kirchen im Nebel, von Pfützen gezeichneten Straßen – und Fiktion. Wobei diese Bereiche gewissermaßen die Rollen tauschen im Laufe des Films: Die unscheinbare Landschaft mit ihren unansehnlichen Figuren bekommt etwas Mystisches, die merjanische Kultur aber erscheint wie etwas, das es wirklich gegeben haben muss

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