Kritik zu Soy Nero

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Rafi Pitts (»Zeit des Zorns«) erzählt in seinem fünften Spielfilm von einem jungen Mexikaner, der als »Green Card Soldier« die amerikanische Staatsbürgerschaft erringen möchte

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Nero rennt. Meistens rennt er weg, vor der Polizei, vor den Uniformierten, die die Grenze zwischen Mexiko und den USA vor unliebsamen Einwanderern schützen sollen. Denen ist es egal, dass Nero in den USA geboren wurde und dass sein Vater sein Leben gelassen hat für dieses Land und jetzt mit Tausenden anderer in einem namenlosen Grab auf einem Militärfriedhof in Los Angeles liegt. Irgendwann schafft es Nero, den Grenzzaun zu überwinden und in die USA zurückzukehren. Das Feuerwerk, das ihn dabei begrüßt, gilt eigentlich dem Jahreswechsel. Aber man könnte es auch als gutes Omen lesen. Zumal er seinen Bruder Jesus in einer Luxusvilla in Beverly Hills wiederfindet. Der amerikanische Traum, er funktioniert also noch. Eine Villa mit Swimmingpool, eine attraktive Freundin namens Mercedes hat Jesus obendrein. Man trinkt, raucht Marihuana und redet über die Zukunft. Kann Nero wirklich glauben, dass all das echt ist? Dass sein Bruder durch Drogenhandel oder mittels des Musikequipments, das in einem Raum steht, so reich geworden ist? Dessen Antworten sind ausweichend, aber man kann verstehen, dass Nero die Situation genießt, für den Moment. Der dauert bis zum nächsten Morgen, dann sieht er Mercedes in Dienstmädchentracht und seinen Bruder Koffer aus dem Gepäckraum eines Wagens heben. Der Diener als Herr, das war eine zu schöne Illusion. Der Bruder gibt ihm noch seinen (gefälschten) Ausweis mit auf den Weg, bevor ein Schnitt die dritte Station von Neros Reise markiert: ein militärischer Kontrollposten, irgendwo im Nahen Osten, erkennbar an der Kleidung der Frauen, die hier einmal passieren. Ist Nero damit seinem Ziel näher, als Gegenleistung für den Militärdienst die amerikanische Staatsbürgerschaft zu bekommen? Gewidmet ist der Film am Ende all jenen »Green Card Soldiers«, die nach Beendigung ihres Dienstes trotzdem abgeschoben wurden.

Die drei Handlungsorte seines Films trennt Rafi Pitts durch harte Schnitte, dazwischen vergeht Zeit, aber was da unsichtbar bleibt, nicht erzählt wird, ist auch so klar. »Soy Nero« ist mehr noch als die vorangegangenen Filme des Regisseurs ein Film der Reduktion. Die erreicht ihren Höhepunkt im abschließenden Teil. Da fechten zwei farbige Soldaten, nach ihrer Herkunft nur Compton und Brooklyn genannt, wortreich den Streit zwischen Ost- und Westküsten-Rap aus, da wirkt das Sterben, bei dem die Kamera in der Distanz verharrt, so unwirklich wie in einem Computerspiel, vorherrschend bleibt das Gefühl des Stillstands.

Mit Grenzen und deren (vermeintlicher) Überwindung kennt Pitts sich aus, zwischen England (wo er aufwuchs und studierte), dem Iran (wo er all seine vorherigen Spielfilme drehte) und Paris (wo er lebt). »Soy Nero«, sein fünfter Spielfilm, ist eine deutsch-französisch-mexikanische Koproduktion, bei der zentrale Mitarbeiter hinter der Kamera aus Griechenland (Kamera), Frankreich (Schnitt) und Rumänien (Koautor) kommen. Insofern ein Grenzen überwindender Film.

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