Kritik zu Sorry Angel

© Salzgeber

2018
Original-Titel: 
Plaire, aimer et courir vite
Filmstart in Deutschland: 
25.10.2018
L: 
132 Min
FSK: 
16

Jenseits von Act Up: Christophe Honoré erzählt von der Liebe zu Zeiten von AIDS in den neunziger Jahren

Bewertung: 5
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Zum Lebensgefühl einer bestimmten Zeit gehört nicht nur eine charakteristische Ausstattung, sondern vielleicht mehr noch Situationen und Verhaltensweisen. Christophe Honoré führt seine beiden Hauptpersonen in einem halbleeren Kinosaal zusammen, in dem Jane Campions The Piano auf der Leinwand läuft. Und während das spontane Gefallen, dass der 22-jährige Student Arthur (Vincent Lacoste) und der 36-jährige Schriftsteller Jacques (Pierre Deladonchamps) aneinander finden, von zeitlosem Charme ist, eignet den Umständen ihrer Begegnung etwas untrüglich Zeitverhaftetes. Nicht nur, weil »The Piano« eben 1993 ins Kino kam. Honoré rekonstruiert die 90er Jahre in seinem Film weniger durch kulturelles Name-Dropping oder historische Ereignisse als vielmehr in der Art, wie Menschen Dinge tun. Wie Arthur einmal in der Nähe einer Telefonzelle wartet, weil er auf den Rückruf von Jacques hofft. Wie Jacques Arthur später Briefe schreibt aus Paris nach Rennes. Wie Arthur aus dem Bett seiner Freundin steigt, um mit Walkman-Kopfhörer eine Runde durch die »Cruising Area« seiner Heimatstadt zu drehen.

»Sorry Angel« erzählt eine Liebesgeschichte, obwohl Jacques und Arthur nie zusammenkommen, und handelt von der »AIDS-Epoche« ohne die üblichen Muster zu bedienen. So erfährt man von Jacques’ Ansteckung mit dem Virus nicht durch erschreckte Reaktionen oder ein schamvolles Eingeständnis, nein, es ist eine vorlaute Freundin, die ihm auf der Straße lautstark Komplimente macht für sein gutes Aussehen trotz Infektion. Der Witz der Szene besteht darin, dass Arthur unbeabsichtigter Weise mithört. Wobei Jacques und Arthur nie über das Thema sprechen werden. Fast scheint es, als läge es zu sehr auf der Hand. Man muss nichts benennen, was sich von selbst ins Bild drängt.

Die längste Zeit sieht man sie in ihren getrennten Welten: Jacques, der einigermaßen erfolgreiche Schriftsteller, führt in Paris ein Leben voller Unruhe und Unzufriedenheit und scheint doch mit sich im Einklang zu sein. Deladonchamps spielt ihn als Mann mit einer gewissen Arroganz, der seine Schwächen kennt und entschlossen ist, dem nahen Tod ohne Sentimentalität ins Auge zu schauen. Er will deshalb auch keine »letzte Liebe«, wie er Arthur erklärt. Was der junge Student akzeptiert, obwohl er weiter um Jacques wirbt. Vincent Lacostes herausragende Darstellung kombiniert natürliche Forschheit und unschuldige Unerfahrenheit zu echtem Charisma. Beide sind auch durch ihre soziale Umgebung definiert. Während Arthur mit seinem alten Freundeskreis in Rennes in einen Park einbricht, um den letzten Sommerabend zu feiern, strapaziert Jacques die Geduld seines alten Freundes und Nachbarn Mathieu (Denis Podalydès), der genau weiß, dass er als schwuler Mann mit Jacques in punkto Attraktivität nicht mithalten kann. Honoré gelingt es nicht nur zu zeigen, wie Freundschaft und Liebe sie alle trotzdem miteinander verbindet, er entfaltet die Persönlichkeiten seiner Helden in so viel Feinheiten und Widersprüchen, dass aus »Sorry Angel« ein wunderbar subtiler und gleichsam hinterrücks berührender Film wird.

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