Kritik zu Goliath96

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In seinem Debütfilm erzählt ­Marcus Richardt von einem jungen Mann, der sich in seinem Zimmer einschließt, und dessen Mutter, die mit falscher Identität per Internet den Kontakt mit ihm sucht

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»Schick doch mal ein Foto!«, schreibt Goliath96 an Cinderella97 in einem Chat für Drachenbauer, und erhält ein kategorisches Nein zur Antwort. Als er dann in den Telefonmodus wechselt, sitzt da eine Frau mit einem schwarz-weißen Tuch vor dem Gesicht. Sie versteckt ihr Gesicht und ihre Angst. Die Angst, ­erkannt zu werden – von ihrem Sohn. Denn David (Nils Rovira-Munoz) darf auf keinen Fall erfahren, dass sich hinter der neuen Vertrauten seine eigene Mutter verbirgt. Seit zwei Jahren schon verlässt er sein ­Zimmer nur noch, um ins Bad zu gehen oder sich schnell eine Tiefkühlpizza zu machen. Die Außenwelt ist nur noch Bedrohung, innen lähmt ihn eine Depression.

Das Motiv ist nicht neu, schon in »1000 Arten Regen zu beschreiben« hat Isabel Prahl eine Familie beschrieben, die durch die Totalverweigerung eines 18-Jährigen in die Disfunktionalität getrieben wird. Marcus Richardt reduziert den Handlungsrahmen in seinem Kinodebüt noch etwas mehr. Der Vater ist schon vor Jahren spurlos verschwunden und hat dem Sohn nur die Leidenschaft für Lenkdrachen hinterlassen. Mutter Kristin (Katja Riemann), erfolgreiche Bankangestellte, verliert ihren Job und muss nun darum kämpfen, dass keiner ihre Lüge durchschaut, wenn sie behauptet, dass David im Ausland studiert. Sie kann aber auch nicht von Hamburg nach Frankfurt ziehen, um einen neuen Job anzunehmen. Es bleibt ihr also viel Zeit, um sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen. Und ihr neuer Geliebter Jefferey (David Wurawa) passt ihr eigentlich gar nicht ins Konzept, obwohl sie unter der Einsamkeit leidet. Völlig nachvollziehbar wird so, dass sie sich unüberlegt in den Chat stürzt, einfach nur, um mal wieder mit ihrem Sohn zu sprechen. Dass sie da nicht wieder herauskommt, ohne größeren Schaden anzurichten, ist abzusehen.

Über weite Strecken beschränkt sich der Film auf seine beiden Protagonisten, zeigt sie vor dem Computer, schreibend, zögernd und immer wieder korrigierend. Katja Riemann muss einen Großteil der Gefühlsbewegungen in ihre Mimik verlagern, all diese Unsicherheit, die Freude über die neue Offenheit ihres Sohnes und die Angst vor dem abrupten Ende. Als David ihr seine Liebe gesteht und sie um ein Treffen bittet, erreicht die Anspannung ihren Höhepunkt. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich Riemann mit diesen Szenen umgeht, wie sie wieder und wieder in den Kühlschrank schaut, um anhand der verschwindenden Pizzen die Vitalfunktionen ihres Sohnes zu überprüfen. Wie sie sich freut auf den abendlichen Chat, und gleichzeitig nicht weiß, wie weit sie gehen darf. Dazwischen schneidet Marcus Richardt Strandbilder aus glücklichen Zeiten. Der riesige rote Drachen, den Vater und Sohn dort steigen lassen, hängt nun bewegungslos an der Decke in Davids Zimmer.

Dieses ruhige, kleine Debüt zeigt Marcus Richardts Talent für das Erzählen reduzierter Geschichten. Und es ist schön, Jasmin Tabatabai in einer Nebenrolle mal wieder an der Seite von Katja Riemann zu sehen – als läge »Bandits« kaum zwanzig Jahre zurück.

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