Kritik zu Rocketman

© Paramount Pictures

Dieses Lied ist für dich: Dexter Fletchers Biopic ist ein Musical, in dem das Leben von Elton John – oder zumindest Teile davon – in schwungvollen Sing- und Tanznummern aufbereitet wird, mehr als Hommage denn als kritische Würdigung und mit besonderer Liebe für seine vielen, exzentrischen Brillen

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Der wahre Bekanntheitsgrad, den Elton John erreicht hat, lässt sich an der Zahl der Menschen ablesen, die seine Songs mitsingen können – ohne überhaupt seinen Namen zu kennen. »Rocketman«, der Titel des Biopics über den britischen Megastar , der 1947 als Reginald Dwight geboren wurde, ist dafür das beste Beispiel: Man muss ihn nur vor sich hinsprechen und hat bereits eine Melodie im Kopf. Wie im Rhythmus dazu beginnt »Rocketman«, als würde der Vorhang aufgehen für eine Gestalt, die nicht zu übersehen und gleichzeitig wie unkenntlich ist. Da geht Elton, gespielt von Taron Egerton in einem gefiederten Kostüm mit riesigen paillettenverzierten Flügeln und strassbesetzter Hörnchenkappe einen Gang entlang. Zuerst glaubt man sich in der klassischen Musiker-Biopic-Auftaktszene, dem Moment vor dem Auftritt hinter der Bühne. Aber als Elton durch die Tür tritt, ist da keine Bühne, sondern der kahle Versammlungsraum einer Sitzung von Anonymen Alkoholikern. Ihnen also erzählt Elton sein Leben. Nicht ohne vorher bekannt zu haben, süchtig zu sein: nach Alkohol, Kokain, Sex, Pillen, Essen, Einkaufen und noch viel mehr. Womit eine Lebensrevue von Kindheit, Jugend, Aufstieg und Fall beginnt, die für sämtliche dramatischen und emotionalen Wendungen mit dem richtigen Elton-John-Song aufwartet.

»Rocketman«, so stellt sich schnell heraus, ist mehr Musical als Biopic. Was sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Films ausmacht. Zum einen sind Elton Johns Hits dafür wie gemacht, enthalten sie doch in sich bereits kleine Dramen mit komplexem Vorlauf und emotionaler Entladung im Refrain. Zum andern inszeniert Regisseur Dexter Fletcher dazu Tanznummern, die mehr durch ihre gute Laune beeindrucken als durch Choreographie oder Kameraarbeit. Die Unwirklichkeit des Musicalsettings, in der zu jeder Minute eine Figur zu singen beginnen kann, überdeckt dabei erfolgreich die Formelhaftigkeit der Erzählung.

Aber auch wenn »Rocketman« angenehm offen sowohl mit der Homosexualität als auch mit den langen Jahren des Verleugnens, dem daraus resultierenden Selbsthass und der Drogensucht seines Helden umgeht, so merkt man dem Film doch durch und durch an, dass dies eine sanktionierte und mithin desinfizierte Version eines Lebens ist. Elton Johns Ehemann hat Produzentenstatus am Film, und die Geste des »Ich erzähl es, wie es wirklich wahr« ist in etwa so authentisch wie das Glitzern der Steine auf Elton Johns ausgefallenen Bühnenkostümen.

Von der Schilderung der unglücklichen Kindheit mit Eltern, die dem begabten Jungen nicht genügend Liebe zeigen, über die holprigen ersten Schritte einer Musikerkarriere bis hin zum rasanten Aufstieg, dem die Drogenerfahrungen auf dem Fuß folgen, bewegt sich »Rocketman« in der breit getretenen Spur der einschlägigen Musiker-Biopics. Taron Egerton, der mutigerweise selbst singt, ohne jedoch an das mitreißende Timbre von Elton John anknüpfen zu können, verleiht seiner Figur einen jungenhaften, auf sympathische Weise unsicheren Charme, der sich aber in den langen zwei Stunden des Films verbraucht. Mit Jamie Bell als Bernie Taupin, dem treuen Texte-Schreiber an Johns Seite, geht es einem genau umgekehrt: Bell stattet seinen Bernie mit einer hintergründige Aura aus, von der man gern mehr gesehen hätte. Das eigentliche Highlight aber ist Richard Madden als Liebhaber und Manager John Reid: Mit grandiosem Bad-Boy-Swagger sorgt Madden für eine dringend benötigte Dosis von Gefahr und Sex.

Der sprichwörtliche Elefant im Raum ist jenes andere Musiker-Biopic mit dem Titel »Bohemian Rhapsody«, mit dem Dexter Fletcher sich quasi selbst Konkurrenz macht, hatte man ihn doch zur Fertigstellung berufen, nachdem Bryan Singer gefeuert worden war. Der Queen-Film wurde weithin für den verklemmten Umgang mit Freddy Mercurys Leben und Sexualität kritisiert. »Rocketman« nun kommt mit seinen Tanznummern und einer kurzen, wenn auch eher braven Sexszene etwas weniger prüde daher. Es ist der vielleicht sympathischere, wenn auch leider genauso wenig originelle Film.

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