Kritik zu Oeconomia

© Neue Visionen Filmverleih

2020
Original-Titel: 
Oeconomia
Filmstart in Deutschland: 
15.10.2020
L: 
89 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Nach ihrem Dokumentarfilm »Work Hard – Play Hard« (2011) widmet sich die  Regisseurin Carmen Losmann erneut komplexen ökonomischen Zusammenhängen, hier in der Finanzwirtschaft

Bewertung: 4
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Wenn es ums liebe Geld geht, sind zahlreiche Mythen im Umlauf. Das hat Gründe: Ausgesprochen komplex, wenn nicht undurchschaubar dürften die labyrinthischen Gefüge der Finanzwirtschaft selbst interessierten Laien erscheinen – so komplex, dass sie von vielen Menschen einfach hingenommen werden wie die Natur, die ja immer wieder Katastrophen kennt. Eine Finanzkrise wie die von 2007 war da wohl ebenfalls nicht vermeidbar, so das fatalistische Fazit. Eine solche Haltung ist der Regisseurin Carmen Losmann indes keineswegs zu eigen. Sie möchte die Spielregeln des Systems nicht nur verstehen, sondern auch vermitteln. In ihrem Dokumentarfilm »Oeconomia« gelingt Losmann dies geradezu beispielhaft. Der Ansatz der Regisseurin ist Neugier, ihre Methode die scheinbar naive Frage: Wie entsteht eigentlich Geld? Wer produziert es? Warum wächst die Wirtschaft, wenn Verschuldung und Vermögenskonzentration zunehmen?

Losmann steigt mit dieser Dokumentation quasi in den Maschinenraum des Kapitalismus hinunter, und dass sich dessen Maschinisten nur ungern oder aber gar nicht bei ihrer Arbeit zusehen lassen, ist immer wieder Gegenstand dieses Films, der denn auch die Bedingungen seiner Entstehung permanent reflektiert, etwa im Voiceover und in Gedächtnisprotokollen, und alternative erzählerische Wege suchen muss. Denn Drehgenehmigungen werden nicht erteilt, Interviews erst zugesagt, dann zeitlich beschnitten, und schließlich werden Fragen von den Pressestellen der Großbanken oder global agierenden Konzerne »gelenkt«. Meetings werden allenfalls nachgestellt; doch hin und wieder darf die Regisseurin Besprechungen von Finanzentscheidern durch gläserne Trennwände filmen. 

Dass sich die Finanzwirtschaft nicht nur unsichtbar gemacht hat, sondern sich dem allgemeinen Verstehen gleich ganz entziehen will, ist der eigentliche Skandal. Wie unverbrüchlich hochrangige Protagonisten diesem System verhaftet sind, wie sie ideologisch gefangen sind, wird immer dann deutlich, wenn sie Losmanns Fragen mit Ungläubigkeit begegnen – nach der Devise, dass doch sonnenklar sei, was man nicht erklären kann. Einmal wird die Regisseurin von einem dieser Männer praktisch für dumm erklärt.

Das schreckt Losmann keineswegs. Im Jahr 2011 hat sie sich mit »Work Hard – Play Hard« dem Phänomen des modernen Human Resource Management gewidmet und nun für ihren neuen Dokumentarfilm lauter Big Player besucht, da­runter die Europäische Zentralbank, BMW, die Allianz und die letzterer zugehörige Investmentgesellschaft Pimco, die sich auf Staatsanleihen spezialisiert hat. Tatsächlich sind die Repräsentanten dieser Firmen zu 90 Prozent Männer, die in ihren Uniformen aus teuren Anzügen und weißen Hemden agieren, in quasikonspirativen Bauten und Räumen, die vollkommen entfremdet wirken. Dazwischen schneidet Losmann eine kritische Expertenrunde, die im öffentlichen Raum einer Fußgängerzone Monopoly spielt – und wie ein griechischer Chor agiert, der ausdrückt, was andere Protagonisten nicht sagen wollen.

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