Netflix: »I am Frankelda«

englisch © Netflix

Die mexikanischen Brüder Roy und Arturo Ambriz, deren Mentor kein Geringerer als Guillermo del Toro ist, haben mit ihrem Studio Cinema Fantasma einen Stop-Motion-Film gedreht, der vor Fantasie und Kreativität nur so sprüht

Ihre Mutter war Künstlerin, aber sie ist früh verstorben. So wächst Frankelda bei der gestrengen Großmutter auf und muss dort immer alle Socken stopfen; Oma hat kein Verständnis dafür, dass die Enkelin Schriftstellerin werden und obendrein Gruselgeschichten und Horrormärchen verfassen will. Das ist doch nun wahrlich kein Betätigungsfeld für eine zukünftige Hausfrau und Mutter! Erst recht nicht in den 1870er Jahren in Mexiko, in denen die Handlung von »I Am Frankelda« angesiedelt ist. Beirren lässt sich die Titelheldin von alledem jedoch nicht. Und als die Filmemacher-Brüder Arturo und Roy Ambriz so richtig loslegen mit ihrem energiesprühenden Stop-Motion-Animations-Musical, da holt sich die hoffnungsvolle Autorin gerade mal wieder bei einem Verleger eine Abfuhr ab und zürnt und zetert. Frankelda kann nämlich ganz schön wütend werden, und die Butter vom Brot nehmen lässt sie sich erst recht nicht, geschweige denn ins Bockshorn jagen.

Weswegen sie im Großen und Ganzen ziemlich gelassen reagiert, als Prinz Herneval aus dem Königreich der Gespenster sie quasi entführt und bittet, die Stelle als Hof-Alptraumdichterin zu übernehmen, die der bis dato solcherart beschäftigte Procustes – eine riesige übelnehmerische Spinne mit zahlreichen grünen Wabbelkinnen – nur mehr ungenügend ausfüllt. Der dicke Spinnerich ist bequem geworden, keiner fürchtet sich mehr vor seinen Kreationen, und das Reich ist in seiner Existenz bedroht; König Ficturo ist bereits zur Hälfte von Wattebäuschen überwuchert, droht also zu Staub zu zerfallen, und Königin Veritena schwächelt auch schon.

Aha, denkt man nun vielleicht und wundert sich gar nicht mal so sehr, alldieweil Mexiko auf eine jahrhundertealte Tradition des bewusstseinserweiternden Gebrauchs von Mezcal und Peyote zurückblicken kann. Dementsprechend entfesselt geht die Geschichte weiter. Procustes schmiedet Ränke, Herneval hält dagegen und Frankelda gerät zwischen die Fronten; die Waffen der Wahl: Fantasie und Erfindungsgeist. Beides spiegelt sich auf der Ebene der Produktion und reicht bis in die allerwinzigsten Details; alles ist ersichtlich mit jener Liebe und unbedingten Hingabe gestaltet, ohne die diese filmische Technik nun einmal nicht zu denken ist. Umso tiefer das Bedauern darüber, dass es »I Am Frankelda« in Deutschland nicht vergönnt ist, in seiner ganzen psychedelisch durchgeknallten, barocken Pracht auf der großen Leinwand zu erstrahlen. Stattdessen wird das Kleinod verstreamt und sieht sich die kulminierende, mit ausgreifendem Gestus inszenierte, hochdynamische Musicalnummer von der Größe des heimischen Bildschirms beschränkt; immerhin kann man aufstehen und mittanzen.

Bei diesem ersten komplett in Stop-Motion-Technik hergestellten Langfilm Mexikos handelt es sich übrigens um das Prequel zu »Los Sustos Ocultos de Frankelda« (internationaler Titel: »Frankelda's Book of Spooks«, übersetzt etwa: »Buch der Geister«). Diese aus fünf je circa viertelstündigen Episoden bestehende Miniserie entstand 2021 im Auftrag von HBO Max und fußt wiederum auf einem Vierminüter von 2019. Das sieht nach einer fortschreitenden Verzauberung aus.

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