Kritik zu Notting Hill

englisch © Universal Pictures

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Der Mann, den die britische Presse mit lautmalerischer Sprachlust »funny, floppy, fresh-faced poppet« nannte, setzt auch in »Notting Hill« wieder das vielleicht einzige Potential seiner Schauspielkunst ein: nervösen Charme. Hugh Grant ist in »Notting Hill« ein erfolgloser Reisebuchhändler, dessen Laden eines Tages eine Leinwandschönheit betritt und den bescheidenen Ort erleuchtet wie ein Engel. Julia Roberts spielt den Filmstar Anna Scott, in bewußt eingesetzter und wirkungsvoller Spiegelung ihrer selbst, und setzt dabei Grants – in diesem Film einmal bestens passenden – Stotter-Manierismen amerikanische Entspanntheit und ihr breites Pretty-Woman-Strahlen entgegen. Die beiden geben ein Paar ab, das sich verliebt, entliebt und wieder verliebt, in einer vielfachen Zickzackkurve – ein Filmpaar, bei dem die Chemie stimmt: Die erste Voraussetzung für das Funktionieren einer romantischen Komödie überhaupt. Eine Bezeichnung übrigens, die hier zutreffend ist wie selten, »Notting Hill« produziert nicht nur das, was unter dem Begriff »Romantik« geläufig ist, sondern auch, und nicht zu knapp, Komik. Das Drehbuch stammt von Richard Curtis, der auch (den »Notting Hill« in mancher Hinsicht verwandten) »Vier Hochzeiten und ein Todesfall« schrieb. Es enthält brillante Screwball-Dialoge, witzig pointierte Situationen, grotesk und peinlich wie oft im wirklichen Leben, und eine Reihe von Nebenfiguren, die das glamouröse Paar noch glamouröser erscheinen lassen, weil sie nicht über ein Zwanzig-Zentimeter-Lächeln wie Julia Roberts und die extravagante Haarfülle Hugh Grants verfügen.

Optisch sozusagen am entgegengesetzten Ende der Skala steht Hugh Grants Wohngenosse Spike, grandios gespielt von Rhys Ifans, der im Grunde den Stars die Show stiehlt: Der Mann ist ein Exzeß an bizarrer Geschmacklosigkeit und schmutzstarrend, wirkt aber keineswegs künstlich zur komischen Figur aufgepeppt. Auch der Freundes- und Familienkreis von Hugh Grants Filmfigur füttert die pastellfarbene Passion der Liebenden mit kräftigeren Farben. Mehr noch als eine Geschichte zu erzählen, gibt »Notting Hill« Porträts seiner Figuren, die er ausnahmslos liebt, deren Glücksmomente und Katastrophen er skizzenhaft und dabei glaubwürdig, wie im Vorübergehen, beschreibt.

Wie in jeder guten Komödie gibt es auch dunklere Schichten, werden die Möglichkeiten des Scheiterns und der Depression keineswegs ausgeklammert. Immer, bei jedem der Charaktere steht das Glück auf Messers Schneide, und immer könnte alles auch ganz anders kommen, was am Beispiel der Jugendliebe des Reisebuchhändlers durchexerziert wird: Sie sitzt im Rollstuhl, weil sie in ihrem Haus einmal ausrutschte und auf fatale Weise hinfiel. Es gehört zu den Qualitäten der Komödie, daß sie die Fülle der guten und schlechten Zufälle nie außer acht läßt. Ihre Spannungsmomente entstehen, weil immer verschiedene Situations-Lösungen denkbar sind, alle menschlichen Beziehungen – und auch das Leben selbst – als gefährdet und fragil betrachtet werden: als Konstrukte, die oft nicht von den Handelnden selbst bestimmt werden, sondern von Außeneinflüssen, von Überraschungen aller Art, abhängig sind. In tausend und einer Variante spielt das Drehbuch dies durch. Eine große Komödie, die obwohl Mainstream, hochglänzend und im Hollywood-Stil, nicht erwartungsgemäß glatt abschnurrt, sondern immer am Rande der Krise vorbeischrammt – manchmal auch mitten hinein.

Vielleicht liegt das daran, daß »Notting Hill« eben doch nicht aus Hollywood kommt, sondern aus Großbritannien, dem Land derer, die in der Lage sind, noch die Krise zur Kunstform – zur Exzentrik – zu erheben. Aus seiner englishness macht der Film keinen Hehl. Am meisten Kapital schlägt er aus dem titelgebenden Schauplatz, dem Londoner Stadtteil Notting Hill: die Metropole, wie der Individual-Tourist sie liebt, bunt schräg, aber nicht zu schräg, ein ideales Film-Idyll, großstadt-pittoresk. Auch der Hintergrund, ebenso wie die Nebenfiguren, dient dazu, die im Grunde zuckrig verspielte Story in ein Mehr an Realität einzubinden: was auch gelingt. Gezeigt werden normale Leute mit normalen Wohnungen, die nicht »stylish« sind und in denen gelegentlich auch ungespültes Geschirr vor sich hin modert, kleine Läden, die immer von den falschen Kunden betreten werden (solchen, die suchen, was es dort nicht gibt, und solchen, die klauen, was es dort gibt), aber auch Straßenecken, an denen man mit Stars zusammenstoßen und ihnen Orangensaft übers T-Shirt kippen kann: Selbst dieser unwahrscheinliche Fall wird so erzählt, daß er wie die wahrscheinlichste Sache der Welt erscheint. Dramaturgisch basiert die Schauplatzwahl auf dem Gedanken, eine Multi-Kulti-Kulisse wie Notting Hill sei der vielleicht einzig mögliche, jedenfalls ideale Begegnungsort zweier Welten: des erfolglosen englischen Buchhändlers und der reichen, verwöhnten amerikanischen Schauspielerin. Tatsächlich verschmelzen in dieser britischen Filmproduktion, deren Erfolg mit Superlativen bemessen wird, High-Gloss-Hollywood und das englische Kino, das auch die unschönen Gegebenheiten des Alltags weniger zu verschweigen geneigt ist, perfekt.

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