Kritik zu Nico, 1988

Trailer, englisch © Verleih

Ein Psychogramm der Sängerin Nico ausgehend von ihren letzten beiden Lebensjahren vor ihrem Tod 1988: Die ­Underground-Ikone wird von der Dänin Trine Dyrholm verkörpert und gesanglich vertont

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Bei einem Interview in Manchester sagt sie schroff, die Stadt erinnere sie an das Berlin der Kriegszeit. Im kommunistischen Prag, wo die Veranstalter unter großen Risiken ein illegales Konzert auf die Beine stellen, pöbelt sie im Restaurant herum, weil der Heroinnachschub stockt. Weil der Gitarrist daneben greift, bricht sie brüsk ein Konzert ab. Obwohl das alternde »bad girl« jeden vor den Kopf stößt, wird es vergöttert. Damit muss man erst einmal klarkommen: dass eine Rocksängerin dieselbe Narrenfreiheit genießt wie ihre männlichen Kollegen.

Dieses Psychogramm, das die beiden ­letzten Lebensjahre von Nico umfasst, ist erfrischend ungewöhnlich und vermittelt stets das gute Gefühl, dass Regisseurin Susanna Nicchiarelli genau weiß, was sie tut. 1986 hat Nico, bürgerlich Christa Päffgen, einst deutsches Fräuleinwunder, das von Berlin über Paris bis nach New York Modelkarriere machte, ihre musikalische Metamorphose zur Underground-Ikone längst abgeschlossen. Sie ist außerdem ein Junkie – und ziemlich am Boden. Nach einem Auftritt in Manchester wird sie von Richard Boon aufgegabelt. Unter der Obhut des leidensfähigen Musikmanagers tingelt sie mit einer zusammengewürfelten Band durch Europa, bevor sie 1988 im Urlaub auf Ibiza mit erst 49 Jahren stirbt. Dezente Streiflichter gewähren Einblicke in ihre Vergangenheit als deutsches Supermodel, das mit Hilfe von Andy Warhol als Sängerin von Velvet Underground berühmt wurde. Weiter zurückreichende Flashbacks verweisen auf Nicos »Rosebud«-Moment, in dem sie als kleines Kind auf das brennende Berlin starrt.

Im Grunde wird die Kenntnis von Nicos tragischem Leben, das bereits 1995 im Dokumentarfilm »Nico Icon« verhandelt wurde, vorausgesetzt. Doch »Nico, 1988« weckt durch seine Konzentration auf die Gegenwart der Titelfigur die Neugierde. (Interviews begann sie stets damit, wie gelangweilt sie von den ständigen Fragen über ihre Zeit als teutonisches Aushängeschild für Velvet Underground ist.)

Die Kunst der Inszenierung besteht zunächst im Weglassen und Andeuten. Ohne Sex, Drugs & Rock 'n' Roll-Voyeurismus, ohne Zeigefinger und ohne die in vielen Frauenporträts übliche Viktimisierung wird eine Avantgarde-Musikerin skizziert, die sich mit gut abgehangenem Trotz seit langem entschieden hat, ihr Ding durchzuziehen – und die königlich auf ihrem Recht auf Selbstzerstörung beharrt. Ohne Rücksicht auf Kollateralschäden, zu denen ihr angefixter Sohn Ari gehört, den sie – in einem Anfall mütterlicher Sehnsucht – im Verlauf der Tour zu sich holt. Dass sie, als Ari im Koma liegt, mit ihrem Aufnahmegerät die Geräusche der Lungenmaschine aufnimmt, ist keine Fiktion.

Trine Dyrholms bruchlose Einfühlung in diese Desperada ist eindrucksvoll. Nicos vernachlässigtes Äußeres ist hier auch Statement gegen ihre einstige Zurichtung als Objekt der Begierde, Ausdruck ihrer Erfahrung, dass ihre Schönheit ein Fluch war. Zugleich lässt Dyrholms Darstellung offen, ob Nicos coole »Ihr-könnt-mich-alle-mal«-Haltung von Drogen oder Traumata herrührt – oder von ihrem weltabgewandten Naturell.

Untermalt wird diese Sphinxhaftigkeit durch die nächtliche Roadmovie-Atmosphäre. Wenn die Band von einem schäbigen Club zum nächsten fährt, auf einem von heiter-südlichen Renaissancebauten gesäumten Platz Nicos Gruftie-Musik spielt, wird sie ihrem Klischee einer »Priesterin der Finsternis« gerecht. Der Höhepunkt der Tournee ist ihr Auftritt vor einem begeisterten Publikum in Prag, dem Geheimpolizisten im Nacken sitzen. Wenn sie in einem ungewöhnlich vitalen Auftritt »My heart is empty« röhrt, erscheint der Rock 'n' Roll wieder als revolutionäre Kraft.

Dass Dyrholm, die auch Sängerin ist, die Lieder selbst vertont, trägt entscheidend zur Authentizität bei. In ihrer Interpretation entfalten Nicos trancehafter Gesang und ihre dunkel-heisere Stimme, gewürzt durch einen harten deutschen Akzent, ihren morbiden Zauber. So wird der Sirene in dieser zugleich unsentimentalen und mitfühlenden Hommage der Heiligenschein verweigert – und dennoch glaubhaft vermittelt, warum sie ein Mythos ist.

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