Kritik zu Mitte Ende August

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Frei nach Goethes »Wahlverwandtschaften« treibt Sebastian Schipper ein Paar, das sich gerade im Berliner »Speckgürtel« niedergelassen hat, durch die Untiefen emotionaler Verwirrung

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Ein altes Haus im Grünen, im Berliner Umland, außerhalb eines Dorfes, und nur durch eine Landstraße mit der Umwelt verbunden – Sebastian Schippers Film beginnt mit dem Wandel ländlicher Armut zur bürgerlichen Idylle. Das Ferienhaus als Realität gewordener Traum eines Paares, das sich lange an den Rändern der etablierten Gesellschaft aufgehalten hat und jetzt ruhigere Gewässer ansteuert. Die Metropole ist gerade weit genug weg, aber immer noch nah genug, um stadtflüchtige Freunde und Verwandte an die Ufer der Exklave zu spülen. Doch die angestrebte Idylle mit ihrer beständigen Ereignislosigkeit ist zwiespältig. Ähnlich wie in Goethes Roman ist Zufriedenheit weniger Lebensziel als Störfaktor, eine lähmende Ruhe, die den menschlichen Geist bindet und letztlich unfrei macht. Für Hanna (Marie Bäumer) und Thomas (Milan Peschel) ist dieses alte Haus nur so lange Hoffnungsträger, wie sie es nicht bezogen haben. Mit dem Einzug beginnen die Probleme: Schwierigkeiten mit der Renovierung, der Einrichtung, der Frage, wer setzt sich durch und wer steckt zurück, wenn es um Möbel und andere notwendige Kleinigkeiten des Alltags geht. Dass Thomas eine neue Tür in die Hauswand bricht, ist nicht nur symbolisch ein vehementer Ausbruchsversuch, der im eigenen Garten endet. Dort, wo später die sogenannte Partnertanne gefällt wird.

Hinzu kommen zwei weitere Personen: Friedrich (André Hennicke), Thomas' Bruder, und Augustine (Anna Brüggemann), Hannas Patenkind – sie bringen nicht nur ihre jeweils eigene Geschichte mit in diese Landidylle – der eine hat gerade Job und Familie verloren, die andere genießt ihre Jugendlichkeit und ist offen auf der Suche –, sondern auch erotisches Potenzial. Und wie bei Goethe fühlt sich nun das Paar zu dem jeweils anderen Gegenüber hingezogen – mit ganz unterschiedlichen Konsequenzen.

Sebastian Schipper nimmt, ähnlich wie Goethe, das chemische Modell der Wahlverwandtschaften ernst und überträgt es auf menschliche Beziehungen. Doch ihm sind die erotischen Verwirrungen nicht mehr fremd. Er gibt sich ungleich abgeklärter und auch in der Handlung schließlich wesentlich undramatischer als der Klassiker. Dadurch nimmt er dem Vorbild seine Schwere und kann leicht und ironisch auf ein offenes Ende hinarbeiten.

Fast alles geschieht beiläufig, die Gespräche, die Einkäufe und die erotischen Begegnungen. Die Stärke des Films liegt auch in seiner Binnenstruktur, darin, wie Thomas beispielsweise die Tür in die alten Mauern bricht, ohne wirklich zu überlegen, ob die Statik hält, und sich dann ebenso vorbehaltlos an Augustine ranmacht. Und darin, dass es nicht wirklich ernsthafte Konsequenzen gibt, unterläuft Sebastian Schipper gekonnt Goethes Moral. War Goethe, was den Menschen betrifft, auf das Schlimmste gefasst, so geht Sebastian Schipper versöhnlicher mit dessen Schwächen um. Die Hölle sind immer die anderen – das existenzialistische Diktum von Sartre hat hier eine Wendung erfahren. Das unweigerliche Miteinander schafft Räume der Achtung und Missachtung gleichermaßen. Und das Scheitern liegt direkt neben dem Erfolg.

Sebastian Schipper, der als Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler unterwegs ist, steht mit seinen beiden Filmen »Absolute Giganten« und »Ein Freund von mir« für ein leises, beobachtendes Kino. Er reduziert die Dialoge und verlässt sich auf seine weiten Bilder, die nur selten mit Details aufwarten, und auf die eigens von Vic Chesnutt komponierte Musik. Und am Schluss ist aus den mit Bedeutung aufgeladenen Wahlverwandtschaften die Geschichte eines ganz normalen Sommerwochenendes geworden. Ein Beziehungsporträt, das sich nicht durch das Besondere, sondern durch seine Alltäglichkeit auszeichnet und doch weit über sich selbst hinausweist. Sebastian Schipper ist mit »Mitte Ende August« etwas gelungen, was Maren Ades Sommerdrama »Alle Anderen« fehlt. Er verzichtet auf die Zuspitzung der inneren Konflikte und lässt die Beziehungen nicht an sich selbst zerbrechen. Vielmehr ahnen seine Helden ein wenig von der Bedeutungslosigkeit des Einzelnen und nehmen sich selbst weit weniger wichtig. Wo »Alle Anderen« das Penetrante betont, ist »Mitte Ende August« eine fast schon literarische Spielerei.

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