Kritik zu Alle Anderen

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Der Urlaub als Labor der bürgerlichen Liebe: Maren Ades mitunter quälendes, aber stets präzises Porträt des uneigentlichen Lebens der Generation um die 30

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Wovon Maren Ades Filme handeln, lässt sich nicht leicht sagen. Die großen Begriffe wie Einsamkeit, Liebe oder Kommunikation sind zu geräumig, als dass man sich die Genauigkeit, mit der Ades Filme sie ausformulieren, darunter vorstellen könnte. In manchen Augenblicken sehen die Filme dem Leben zum Verwechseln ähnlich. Die Triftigkeit des Spiels – Birgit Minichmayr erhielt für ihre Rolle der Gitti den Darstellerpreis auf der Berlinale – berührt offenbar einen Bereich, der so »echt« wirkt, dass er seine Inszeniertheit vor dem Zuschauer verstecken kann. Dabei ist bei Maren Ade alles Teil einer Inszenierung, die in einer fast empirischen Anschaulichkeit den gesellschaftlichen Zusammenhang, die Verbindung zu den »großen Themen«, nicht aus den Augen verliert.

Ihr Debüt »Der Wald vor lauter Bäumen« machte vor vier Jahren ungerührt einen Charakter zur Hauptfigur, der für die Mehrzahl deutscher Filmproduktionen nur zum Witz taugen würde: als chargierende Provinzgestalt, die schon wegen ihres Dialekts Lacher garantiert. In »Alle Anderen« steht nun ein Paar um die 30 im Mittelpunkt. Es stammt aus jener Szene, die sich mit dem Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg verbindet, was wohl zur gespaltenen Aufnahme des Films bei der Berlinale beigetragen hat. Die Ablehnung des Films mischt sich mit dem Ressentiment, das gegen das Milieu von Architekt Chris (Lars Eidinger) und Bookerin Gitti oft gepflegt wird – und übersieht dabei, dass Ade auch darauf weitgehend ungerührt blickt.

In der Laborsituation eines Sardinien-Urlaubs ist das Paar auf sich selbst zurückgeworfen. Die freie Zeit und der enge Raum des elterlichen Ferienhauses lassen Konflikte hervortreten, die in der Routine des Alltags verborgen bleiben. Wo in älteren Filmen das Schweigen als Zeichen der Unmöglichkeit bürgerlicher Liebe herrschte, findet sich bei Ades lifestylekompetenter Erbengeneration ein munteres Spiel mit dem Uneigentlichen: Die Suche nach der »wahren« Liebe (dem »wahren« Leben) ist für Gitti und Chris auch deshalb so anstrengend, weil sie immer leichtfallen muss. Geschickt wechselt »Alle Anderen« hin und her zwischen den heiteren, kindlichen Spielen des Paars und der traurigen Unfähigkeit, mit den eigenen Gefühlen nicht anders als ironisch umgehen zu können. Der Film folgt dieser mitunter quälenden Form der Kommunikation bis in ihre feinsten Ausprägungen: Wenn Chris seiner verheimlichten Enttäuschung, einen Wettbewerb nicht gewonnen zu haben, mit einem Anwurf von Selbstkritik Luft macht und Gitti, froh darüber, offen zu reden, ihm die Meinung sagt, provoziert das bei Chris nur Verteidigung.

Vor allem durch einen Bekannten von Chris, den er nicht mag und bewundert: Dieser Hans, von Hans-Jochen Wagner lustvoll vor der Karikatur bewahrt, ist tatkräftig und männlich in einem hergebrachten Sinn, was seine Frau Sana (Nicole Marischka) dankbar lachend goutiert. Im Moment der Krise zwingt dieses Modell Chris und Gitti zur Entscheidung: Während er zum Machismo von Hans tendiert, versucht sie vergeblich, ihm und sich in der Rolle von Sana zu gefallen.

In dem Geschlechterkonflikt zwischen Aufbruch und Rückfall hat »Alle Anderen« seinen Ort. Und hierfür findet der Film eindrückliche Akzente: Die Szene, in der Hans Sana und nach seinem Vorbild Chris Gitti am Ende eines Abendessens in den Pool wirft, ist von einer unmittelbaren Brutalität, die nur wirkt, wo vorher scheinbar nichtssagendes Parlando war. Maren Ade erzählt von einem bürgerlichen Leben, das – seiner Ordnung stiftenden Kodizes beraubt – sich nur mehr negativ über Geschmack zu definieren weiß, was bis zum billigen Verrat der eigenen Mutter führt: Hansens Lachen über die kitschige Inneneinrichtung des Hauses wird von Chris kein Einhalt geboten, sondern im Gegenteil gefallsüchtig unterstützt. Der Höhepunkt des Filmes ist die Szene, in der ein schmachtender Grönemeyer-Song beinahe ausgespielt wird und das »falsche« Gefühl die Protagonisten in seinen Bann schlägt: In dem Lied kommt etwas zum Ausdruck, das die vier nur uneingestanden mitteilen können. »Alle Anderen« zeigt ein Leben, das in den Hüllen eines vagen Selbstentwurfs und unverdienten Wohlstands nach einer Kontur sucht. Die Suche dauert an.

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