Kritik zu Miss Kiet's Children

© dé­jà-vu film

2016
Original-Titel: 
Miss Kiet's Children
Filmstart in Deutschland: 
07.12.2017
L: 
114 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Petra und Peter Lataster porträtieren in ihrem Dokumentarfilm eine Willkommensklasse in einer niederländischen Kleinstadt und wie die geflüchteten Kinder unter der aufmerksamen Betreuung einer Lehrerin aufblühen

Bewertung: 4
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»Für jedes Problem gibt es eine Lösung«, so lautet das Mantra, das die Lehrerin Kiet Engels immer wieder vor der Klasse wiederholt. In der 5200-Seelen-Gemeinde Hapert südwestlich von Eindhoven unterrichtet sie Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die gerade erst in den Niederlanden angekommen sind – die meisten von ihnen aus den Kriegsgebieten in Syrien und Irak. Es ist ein einfacher Satz, der Handlungsmöglichkeiten eröffnet, und in Petra Lataster-Czischs und Peter Latasters Dokumentation »Miss Kiet's Children« kann man über fast zwei Kinostunden genau beobachten, wie sich die Schüler allmählich an diese He­rausforderung herantasten. Dabei bleibt die Kamera im Klassenzimmer konsequent auf Augenhöhe mit den Jungen und Mädchen, scheint selbst die Schulbank zu drücken und die Mitschüler genau zu beobachten.

Zunächst ist da Haya, die weinend in die Schule kommt, weil sie hingefallen und die Hose nun voller Matsch ist. Miss Kiet, wie die Kinder ihre Lehrerin nennen, kümmert sich um den Fall und wäscht den Fleck aus. Haya möchte, dass die Lehrerin ihre Mutter anruft, weil sie abgeholt werden will. Doch der Lehrerin gelingt es, die dramatischen Ereignisse auf ein realistisches Maß herunterzudimmen. Und schon bald läuft Haya wieder zu alter Form auf, sagt ihren Mitschülern, was sie zu tun und zu lassen haben, denn hinter der Drama-Queen steckt ein Mädchen mit ausgefeilten manipulativen Fähigkeiten. Das wird besonders deutlich, als die sechsjährige Leanne aus Syrien neu in die Klasse kommt. Das Mädchen mit den großen aufmerksamen Augen und wunderbar abstehenden Ohren wird von Haya bei der Hand genommen, aber schon bald regt sich in Leanne Widerstand gegen die Bevormundung durch die Mitschülerin. In geduldigen langen Einstellungen schaut die Kamera immer wieder in ihr offenes Gesicht, in dem die widerstrebenden Emotionen deutlich zu sehen sind. Wenn sie sich auf dem Schulhof beim Ballspiel immer wieder ängstlich schützend die Hände über den Kopf hält, bekommt man nur kurz eine Vorstellung davon, was dieses Kind im Krieg durchgemacht haben mag.

Nur an wenigen Punkten werden die traumatischen Erfahrungen sichtbar. Der zehnjährige Jorj ist eigentlich der geborene Klassenclown – mit seinem ausdrucksstarken Gesicht bringt er die Mitschüler immer wieder zum Lachen. Im Unterricht ist er aber stets müde und unkonzentriert. Er könne nachts nicht schlafen, sagt er, und erst viel später, im Zweiergespräch mit der Lehrerin, erzählt er in neu erlerntem Niederländisch von den Bombennächten, die ihm immer noch den Schlaf rauben. Von den Vorgeschichten erzählt der Film nur so viel, wie die Kinder preisgeben wollen. Der Fokus liegt auf den sozialen Lernprozessen, die sie in der Klasse durchlaufen, und auf der Aufmerksamkeit, mit der die Lehrerin ihren Schülern begegnet. Sie schafft einen sicheren Raum mit klaren, fairen Regeln, und es ist berührend zu sehen, wie die Kinder in diesem Raum anfangen zu erblühen. »Miss Kiet's Children« zeigt Integration als Prozess aus vielen kleinen, geduldigen Schritten und welch enormer emotionaler Gewinn für die Kinder wie für die Gesellschaft in diesem Prozess steckt.

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