Kritik zu Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft

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Der Anime von Mamoru Hosoda verwebt Themen wie Geschwisterrivalität, Geschlechterrollen und Generationenfolge, aber auch japanische Traditionen zu einer wunderbaren Filmerzählung über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft familiärer Bindungen

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Der kleine Kun ist wütend. Er steht nicht mehr im Mittelpunkt, seit seine Schwester Mirai geboren wurde. Das winzige, verletzliche Baby braucht die meiste Aufmerksamkeit der noch jungen Eltern, aber Kun versteht das nicht. Und so wirft er mutwillig all sein Spielzeug im Haus herum. Schließlich nimmt er eine seiner geliebten Mini-Eisenbahnen und wirft sie Mirai ans Köpfchen. Nun ist die Mutter wütend: »Du musst deine Schwester lieb haben!«, hatte sie ihm eingeschärft. Doch Kun weiß nicht, warum er das muss.

Der Anime »Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft« von Mamoru Hosoda erzählt weitgehend aus der Sicht des Kindes vom Leben einer modernen japanischen Familie in Yokohama. Die Stadt erscheint dabei nur quasi abstrakt in einer Luftaufnahme, die sich von oben immer deutlicher auf das Einfamilienhaus von Kuns Familie fokussiert. Schließlich tritt dieser Film gewissermaßen ein in deren Heim – und einen Alltag mit allen möglichen, teils sehr komplexen Problemen. Natürlich sind die jungen Eltern heillos überfordert mit Kuns Wutausbrüchen und dem Chaos, dass er immer wieder anrichtet. Außerdem haben die Eheleute quasi die tradierten Rollen getauscht: Sie übt bald nach der Geburt wieder ihren Beruf aus, während er, ein Architekt, daheim arbeitet und sich auch um die Kinder und den Haushalt kümmert. Wenn Kun herumbrüllt, gleichzeitig die Milch überkocht, das Geschirr enervierend klappert und zudem die kleine Mirai verschwunden scheint, obwohl sie nur aus dem Babysitz gerutscht ist, bleibt dem Vater nur ein ergebenes Seufzen.

Der Zuschauer lächelt indes angesichts der heiteren Mühelosigkeit, mit der Mamoru Hosoda hier Fragen der Identität auf gleich mehreren Ebenen verhandelt. Was macht einen guten Vater aus, was eine gute Mutter? Was bedeutet es eigentlich, Bruder zu sein? Wie werde ich zu dem Menschen, der ich dann später einmal bin? Und schließlich: Wo ist der eigene Platz innerhalb einer Großfamilie?

Das Thema Familie zieht sich wie ein roter Faden durch Mamoru Hosodas filmische Werke. In »Das Mädchen, das durch die Zeit sprang« (2006) reist ein Teenager in die Vergangenheit. »Der Junge und das Biest« (2015) handelt von der Weitergabe von Wissen und Erfahrung an die jüngeren Generationen, aber auch – wie schon »Ame & Yuki – Die Wolfskinder« (2012) – von der Beziehung von Kindern zu jungen Eltern, die auch an sich zweifeln. Diese Sujets greift »Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft« erneut auf. Hier begegnet der kleine Kun nicht nur dem älteren Ich seiner Schwester, das ihm lakonisch Ratschläge gibt, sondern auch dem höchst wenig der Ordnung zugeneigten Kinder-Ich seiner Mutter und dem längst verstorbenen Urgroßvater als jungem Mann. Wann immer Kun besonders wütend oder traurig ist, geschieht etwas Wunderbares: Er gerät dann plötzlich in eine andere Welt, in der er durch die Begegnungen mit den verschiedenen Verwandten-Ichs wichtige Erfahrungen macht. Bei seiner ersten Fantasie­reise nimmt Kun sogar eine Doppelidentität an durch wundersamen Gestaltwandel: Er ist gleichzeitig Kun und der Familienhund Yuko – und erkennt, dass auch Yuko eifersüchtig und traurig war, als er nach Kuns Geburt nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand.

Auf seinen fantastischen Reisen lernt der kleine Junge, wie seine Eltern früher einmal waren, und sie selbst werden sich darüber klar, was sie verändert hat. Der sensiblen integrativen Sicht auf die Generationen und ihre Gemeinschaft ist etwas zutiefst Tröstliches zu eigen, während die fantastischen Elemente der Erzählung auch darauf verweisen, dass die Schwierigkeiten der Realität überwindbar sind. Es sei faszinierend, »wie die kleinen Dinge sich ansammeln und das aus uns machen, was wir heute sind«, sagt das Zukunfts-Ich von Mirai gegen Ende des Films. In all dem wird der kleine Kun in seinem besinnungslosen Schmerz über das vermeintliche Nicht-beachtet-Werden ebenso ernst genommen wie seine Eltern in ihrer alltäglichen Überforderung.

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