Kritik zu Mein Praktikum in Kanada

Trailer deutsch © Arsenal Filmverleih

Die Komödie von Philippe Falardeau (»Monsieur Lazhar«) ist ein zwischen Haiti und der frankokanadischen Provinz angesiedeltes »Mr. Smith Geht nach Washington«

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Das Folgende gründe auf wahren Ereignissen, die aber erst in der Zukunft stattfinden würden. So behauptet es (sinngemäß) ein Sprecher zu Anfang des Films vor einer großen Kanadakarte. Dann zoomt die Kamera auf ein Örtchen im Nordwesten Québecs, wo ein dunkelhäutiger Mann mit Koffer ein Dessous-Geschäft betritt. Dort betreibt im ersten Stock der Abgeordnete Steve Guibord sein Büro. Und der war der Einzige von über hundert seiner Art, der auf die Bewerbung des Haitianers um einen Praktikumsplatz geantwortet hatte. Deshalb ist Souverain Pascal, so der Name des Haitianers, gleich angereist. Guibord, ein ehemaliger Eishockeyprofi, beschäftigt sich in seinem Wahlkreis eigentlich mit goldenen Hochzeiten und Landfrauen-Dinners. Doch das ändert sich gerade: Schon beim ersten Einsatz mit Souverain stoßen sie auf eine Straßenblockade indigener Algonkin, die gegen den Raubbau an ihrem Stammland protestieren. Und dann gerät der parteilose Abgeordnete sogar ins Zentrum nationaler Politik, weil durch ein Parteienpatt seine Stimme über einen kanadischen Kriegseinsatz in Nahost entscheiden kann.

Guibord ist überfordert. Doch für den in Montesquieu und Konsorten belesenen Praktikanten ist es die ideale Gelegenheit, einmal die Praxis kennenzulernen. Und da sein politisches Talent das seines Arbeitgebers weit übersteigt, wird er bald zu einer Art Spindoktor im Hintergrund. Dabei setzt er zur Meinungsfindung auf eine an das Rousseau'sche Konzept direkter Demokratie angelehnte offene Aussprache mit den Bürgern. Doch die sind aufgrund ihrer sozialen Lage nur am eigenen Vorteil interessiert und lassen sich mit dem Versprechen auf Arbeitsplätze kaufen.

Leider werden die in der lakonischen Eingangssszene gesetzten humoristischen und inhaltlichen Erwartungen im weiteren Verlauf des Films nicht erfüllt. Philippe Falardeaus gut gespielte und reich ausgestattete Komödie kann im Drehbuch nicht an die Qualitäten seines thematisch nicht weit entfernten Meisterstücks »Monsieur Lazhar« (2011) anknüpfen. Der Witz ist brav und oft etwas abgeschmackt, siehe oben genanntes Dessous-Geschäft. Aber vielleicht lässt sich mancher Bezug auch nur in Kanada ganz verstehen.

Es ist auch eine hübsche Idee, Souverain seine Erlebnisse in der kanadischen Provinz als tägliche Polit-Soap an Familie und Freunde in Haiti skypen zu lassen, die das Geschehen dort in Public-Viewing-Sessions als Chor kommentieren: ein Livelehrgang in praktizierter Demokratie für Diktaturgeplagte, der allerdings in der konkreten Ausgestaltung auch wieder enttäuschend blass daherkommt. Das weist auf die größte Schwäche des Films, dass nämlich die in der geografischen Konstellation angelegten Dominanzbeziehungen zwischen Erster und Dritter Welt zwar für ein Witzchen genutzt, inhaltlich aber gar nicht produktiv gemacht werden.

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