Kritik zu Marriage Story

OmU © Netflix

2019
Original-Titel: 
Marriage Story
Filmstart in Deutschland: 
21.11.2019
Heimkinostart: 
06.12.2019
L: 
136 Min
FSK: 
Ohne Angabe

»Kramer gegen Kramer«, aber ganz anders und vor allem neu: Noah Baumbach erzählt die Geschichte einer Trennung modern, zeitgemäß und dabei sogar noch einigermaßen gleichberechtigt

Bewertung: 4
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Zwar gibt es im Film auch Szenen einer Ehe, aber in Wahrheit handelt Noah Baumbachs »Marriage Story« von dem, was danach kommt, dem schmerzlichen, alle Gewissheiten vernichtenden Prozess der Scheidung. Zu Beginn sitzen Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) noch einander wohlgesonnen bei einem Mediator, sie wollen die bereits beschlossene Trennung gütlich regeln. Vor allem der achtjährige Sohn soll nicht unter den Plänen der Erwachsenen leiden. Der Mediator hat ihnen als Hausaufgabe aufgetragen, zu Papier zu bringen, was sie aneinander bewundern. Mit ihren Stimmen als Voiceover sieht man so in launigen Montagen zwei Fassungen ihrer Liebes- und Ehegeschichte. Nicht, dass ihre Fassungen sich so wahnsinnig voneinander unterscheiden würden; Nicole und Charlie waren über viele Jahre auch beruflich eng aneinandergebunden; sie spielte als Schauspielerin in der Theatertruppe, die er leitete. Es hat lange sehr gut funktioniert zwischen ihnen. Und dann eben nicht mehr.

Die einvernehmliche Trennung wird sich als Illusion erweisen, ihre letzte gemeinsame Unternehmung, wenn man so will. Denn ein paar Zeittakte später zieht Nicole nach Los Angeles. Sie hat eine Rolle in einer Serie bekommen. Charlie hat seine Theatertruppe jedoch in New York; ihm passt ihr Umzug gar nicht. Und so müssen sie doch noch Rechtsanwälte einschalten. Es beginnt ein unangenehmes Ringen um Besuchszeiten, ums Geld und vor allem darum, wer recht hat. Soll heißen: wessen Perspektive auf die Ehe die »wahre« ist. Nicoles, die sich in ihren Wünschen nie ausreichend gehört fühlte? Oder Charlies, der meint, sie doch stets in allem unterstützt und gefördert zu haben?

Baumbachs filmhistorische Referenzen liegen auf der Hand: Ingmar Bergman, Woody Allen und Robert Bentons »Kramer gegen Kramer«. Wobei »Marriage Story« gerade dadurch berührt, dass die Beziehungsdynamik zwischen Nicole und Adam absolut modern und wenig überspitzt scheint. Die Komik überlässt Baumbach den von Laura Dern, Ray Liotta und Alan Alda verkörperten Rechtsanwälten, die in nummernhaften Auftritten sowohl Tempo als auch Humor ins trockene Scheidungsprozedere bringen. Dern ragt heraus als glamouröse Feministin mit stur auf Gewinn gerichtetem Blick. Liotta hält als ihr Gegenüber stand mit einer wunderbar unterspielten Performance als seines Berufs überdrüssigem Macho-Schlitzohr, und Alan Alda gibt dazu den väterlichen Versteher mit zu viel Harmoniebedürfnis. Dem Exehepaar im Zentrum aber lässt Baumbach eine um Gleichberechtigung ringende Würde. Zwar liegt der Focus der Erzählung auf Charlie, den Driver als komplizierten, aber wunderbar offenen und uneitlen Mann spielt. Doch dem Film gelingt es, auch Nicoles Bedürfnis nach Distanz von diesem Mann verständlich zu machen. Nach dem Film mag man Scheidungsanwälte verachten, aber die Institution der Ehe und letztlich auch der Liebe sieht Baumbach sehr viel weniger zynisch als seine Vorgänger.

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