Kritik zu Marley

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Get up, stand up: Kevin Macdonald, als Regisseur ein Grenzgänger zwischen Dokumentar- und Spielfilm, setzt dem letzten König des Reggae ein pompöses Denkmal, ohne ihm dabei wirklich nahezukommen

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Am Anfang steht die »Door of No Return«, ein Hafen in Westafrika, wo einst Sklaven in die neue Welt verschifft wurden. Kevin Macdonald schlägt gleich den großen Bogen: vom Exodus bis in die Gegenwart, vom Ursprung bis zum Uprising. Dies ist, im übertragenen Sinne, die Stelle, an der alles begann. Und zugleich ist es, ganz konkret, der Ort, an dem die Legende des großen Bob Marley dreißig Jahre nach seinem Tod weiterlebt – mehr noch als im Rest der Welt. Denn auf dem Schwarzen Kontinent fungiert der Sänger und Gitarrist nicht nur als Reggae-Ikone, sondern auch als Stimme des Volkes, als Revolutionär und Märtyrer mit aktueller politischer Relevanz..

Wenn der Film dann nach Jamaika springt, setzt Macdonald gleich den nächsten Akzent. Mit einem majestätischen Kameraflug nähert er sich dem Dorf, in dem Marley aufwuchs, und formuliert so allein über die Größe der Bilder einen beträchtlichen Anspruch. Diese Doku soll nicht kleckern, sondern klotzen, sie will ihrem Gegenstand nicht bloß ein Denkmal setzen, sondern ein Monument errichten. Und so viel lässt sich auch tatsächlich konstatieren: Marley ist die definitive Filmbiografie des Jamaikaners geworden, solide und seriös, vollgepackt mit Infos, Archivmaterial und gefühlten hundert Interviews.

Doch zugleich bleibt ein seltsam leeres Gefühl, wenn man sich durch Macdonalds fast zweieinhalbstündigen Bilderrausch geackert hat. Brav chronologisch schildert er dieses Leben, von der vaterlosen Jugend in relativer Armut bis zu den Anfängen mit den Wailers, vom beispiellosen globalen Erfolg während der 70er bis zum Kampf gegen den Krebs, den Marley vergeblich mit purer Willenskraft zu besiegen hoffte. Und so souverän er auch die Fakten klärt, so wenig gelingt es Macdonald doch, seinem Protagonisten nahezukommen, ihn als Menschen lebendig werden zu lassen. Ansätze sind in den Passagen erkennbar, in denen der Film der Frage nachgeht, wie sehr Marley davon geprägt wurde, dass er das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters war. Wenig erfahren wir dagegen über Marleys politisches Selbstverständnis, sein Privatleben und sein Frauenbild (er hatte elf Kinder mit sieben Frauen).

Das mag einerseits an Marleys Verschlossenheit liegen, anderseits aber auch den Produktionsbedingungen geschuldet sein. Vielleicht war es Fluch und Segen zugleich, dass Macdonald unbeschränkten Zugang zum Archiv der Familie erhielt und mit den meisten noch lebenden Hinterbliebenen sprechen durfte. Denn die haben darunter wohl vor allem »Mitsprache« verstanden, woran sich vor Macdonald schon Martin Scorsese und Jonathan Demme die Zähne ausgebissen haben. Der eine schob seinen Ausstieg auf Terminprobleme, der andere verabschiedete sich wegen »kreativer Differenzen«, nachdem er bereits einen Rohschnitt fertig hatte. Es wäre sehr interessant zu wissen, ob Macdonald mit Demmes Material weitergearbeitet hat. Während des Abspanns jedenfalls, wenn die Fans über die Kontinente hinweg Marleys Hits intonieren, hat das den Charme eines frühen Demme-Films – und genau jene entspannte, lockere Verspieltheit, die man zuvor vermisst hat.

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