Kritik zu The Man who killed Don Quixote

© Concorde Filmverleih

Jean Rochefort, der Don Quixote spielen sollte, ist letzten Herbst gestorben. 25 Jahre lang steckte Terry Gilliams zunächst gescheitertes Projekt in der Pipeline. Und nun? Trägt die Geschichte des versponnenen Ritters noch?

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»Quixote vive«, Quijote lebt, steht auf einem Schild an einer kleinen Straße in der spanischen Provinz. Gegen einen Obolus kann man dort den legendären Don Quixote besichtigen, in einer rustikalen Inszenierung, die bald darauf in Flammen aufgeht. Eine echte Terry-Gilliam-Szene. Eigentlich war dieser Don Quixote der Schuster des Ortes, doch jetzt ist er besessen von der Vorstellung, der Abenteuer suchende Ritter zu sein.

Der Werbefilmregisseur Toby (Adam Driver) muss realisieren, dass die Figuren seines Films ein Eigenleben führen. Er dreht gerade in einem abgelegenen Teil Spaniens einen Spot für eine Agentur, hinter der ein russisches Wodkaimperium steht. Gerade hat er eine Szene realisiert, in der Don Quixote seinen Kampf mit den Windmühlen ausficht, als ihm ein Mann eine DVD mit einem Schwarz-Weiß-Film in die Hand drückt. Es ist sein eigener, ein Hochschulabschlussfilm, mit einem kleinen Team vor neun Jahren nicht unweit seines jetzigen Drehorts realisiert. Und es ist ein Film über den Ritter von der traurigen Gestalt. Er ist so fasziniert von seinem eigenen Werk, dass er sogar die erotischen Avancen der Frau seines Produzenten ignoriert. Er fährt mit einem Motorrad in das kleine Dorf, wo er damals sein Erstlingswerk drehte, und muss realisieren, dass die Geister, die er rief, noch lange nicht verschwunden sind.

Mit dem Schuster aus der Hütte, der sich für Don Quixote hält (und vielleicht Don Quixote ist?), macht er sich auf den Weg als Sancho Pansa. Er begegnet seiner Hauptdarstellerin von einst (Joana Ribeiro), der er den Floh ins Ohr setzte, Filmstar zu werden, aus der aber nur ein Model und Escort wurde und die jetzt die Geliebte des russischen Wodkaproduzenten ist. Weshalb er ihr noch öfters über den Weg laufen wird, denn auch die Zeit- und Erzählebenen dieses Films scheinen ein Eigenleben zu führen, sie wechseln schnell und sie durchdringen einander. Das mag gewollt sein, dass der Zuschauer nicht mehr zwischen Realität und Illusion, zwischen Inszenierung und Wirklichkeit unterscheiden kann, aber doch der artifizielle Gestus wird im Verlaufe des Films mehr und mehr zum Selbstzweck.

»And now ... after 25 years in the making ... or unmaking« steht im Vorspann des Films. In dem Dokumentarfilm »Lost in La Mancha« haben Keith Fulton und Louis Pepe das Desaster um Gilliams ersten Anlauf eingefangen, als Wolkenbrüche das Filmset förmlich wegschwemmten und der damalige Hauptdarsteller, Jean Rochefort, nicht mehr reiten konnte. Jetzt spielt Jonathan Pryce, den Gilliam schon in seinem legendären »Brazil« (1985) besetzte, diesen Don Quixote in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Tragik. Überhaupt funktioniert die Dynamik zwischen dem Ritter und seinem Knappen (der ja in Gestalt von Adam Driver nicht so aussieht wie man sich Sancho Pansa vorstellt) ziemlich gut. Bei seinen Nebenfiguren, der nymphomanen Frau des Produzenten, dem mafiösen russischen Wodkafabrikanten, dem sintimäßigen Zauberer, der Toby die DVD gibt, hat sich Gilliam allerdings wenig Mühe gegeben – sie wirken wie aus der Klamottenkiste des Boulevards gezogen. Ein echtes Opus magnum ist dieser Film nicht geworden.

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