Interview mit Terry Gilliam über seinen Film »The Man who killed Don Quixote«

Terry Gilliam (r.) mit Jonathan Pryce am Set von »The Man Who Killed Don Quixote« (2018). © Concorde Filmverleih

Terry Gilliam (r.) mit Jonathan Pryce am Set von »The Man Who Killed Don Quixote« (2018)

© Concorde Filmverleih

Mr. Gilliam, diesen Film hatten Sie seit einem über Vierteljahrhundert im Kopf, 2002 begannen die Dreharbeiten mit Jean Rochefort und Johnny Depp, die Sie dann abbrechen mussten wegen einer Verletzung Rocheforts…

Nicht zu vergessen: das schlechte Wetter und die Kampfjets der NATO, die dauernd über unsere Köpfe donnerten.

Das alles kann man in dem Dokumentarfilm »Lost in La Mancha« sehen, der 2002 herauskam. Sie haben das Projekt dann mit wechselnden Hauptdarstellern weiterverfolgt…

Ja, alle paar Jahre gab es beim Filmfestival von Cannes eine Pressekonferenz, wo die neue Produzenten und ich die neuen Darsteller vorstellten. Glücklicherweise habe ich die meisten Unannehmlichkeiten dabei inzwischen vergessen. Die wirklichen Fantasten, denen ich im Lauf der Zeit begegnete, sind viele der Produzenten, die zeitweise daran beteiligt waren und sagten, »Ich bin derjenige, der diesen Traum Wirklichkeit werden lassen kann!« Einmal gab es eine Produzentin, die meinte, sie hätte das Geld, das der tunesische Premier während des Arabischen Frühlings gestohlen hätte. Dieses Geld tauchte dann in einer Bank in Zürich auf und es gab eine Menge Papierkram, um daran zu kommen – vergeblich. Dann war da ein Mann, der die Rechte an 15% der Mineralvorräte auf diesem Planeten besaß. Der wollte es aber nicht über seine Bücher laufen lassen, sondern über die seiner Tochter. Ich sage mittlerweile, das sind die wirklich Verrückten, ich bin Sancho Pansa.

Hatten Sie zwischendurch nie Zweifel?

Mir haben fortwährend Leute gesagt, ‚Du wirst das Geld nie zusammen bekommen, sei vernünftig und mach lieber etwas anderes'. Aber irgendwie mag ich keine vernünftigen Leute, zumal die diejenigen, die mir sagen: »Das kannst Du nicht machen!«. Ich hatte es mir einfach in den Kopf gesetzt. Ich dachte an Orson Welles, der viele Filme nicht fertig stellen konnte.

Apropos Orsn Welles: darf man die Schwarzweißaufnahmen im Film als Hommage an dessen nicht fertiggestellten »Don Quixote«-Film ansehen?

Das haben wir mit GoPro gedreht. Ich liebe einfach den Look von Schwarzweiß, deswegen war Tobys Film in Schwarzweiß. Als wir anfingen zu drehen, wusste ich noch nicht, wovon Tobys Film erzählen sollte. Ich entwickelte dann vor Ort eine Obsession für spanische Prozessionen, das wurde wichtig – Angelica als Madonna, die dann zur Hure wird.

Zwischenzeitlich hatten Sie John Hurt und Jack O'Connell für die Hauptrollen vorgesehen. Bei O'Connell sehe ich nicht den Witz, den Adam Driver jetzt mitbringt.

Jack wäre Jack gewesen, interessant auf eine andere Art. Mit der Besetzung haben wir am Ende viel Glück gehabt. Adam Driver hatte dank der »Star Wars«-Filme einen Status erlangt, der Geldgeber beruhigte. Er ist großartig darin, auf andere Schauspieler zu reagieren – und höchst komisch, ohne dabei das Komische zu akzentuieren. Johnny Depp hätte das viel komischer gespielt.

Beinahe wäre es bei dem Film zu einer Reunion mit Michael Palin, Ihrem Mitstreiter aus »Monty Python«-Tagen gekommen.

Ja, er war am Anfang der finalen Fassung involviert. Er hatte sogar schon einige Monate an seiner Rolle gearbeitet, hatte aber noch immer keinen Vertrag, Als dann der portugiesische Produzent Paolo Branco das Geld nicht zusammen bekam, wandte er sich anderen Projekten zu – er glaubte nicht, dass es noch klappen werden. Glücklicherweise war Jonathan Pryce verfügbar. Der wollte die Rolle übrigens schon vor 15 Jahren spielen, aber damals war er mit nicht alt genug.

Wie sehr hat sich die Geschichte, die der Film erzählt, zwischen 2000 und 2017 verändert?

Ich würde sagen, es ist ein viel besserer Film geworden und das hat mit der Zeit zu tun, die ich daran gearbeitet habe – er ist jetzt viel komplexer, hat viel mehr Ebenen. Ich musste die Geschichte immer wieder neu erfinden, sonst hätte mich das Drehbuch gelangweilt und es wäre es nicht weitergegangen. Einige dieser neuen Ideen entstanden auch aus der Notwendigkeit, den Film kostengünstiger zu machen. Ursprünglich bekam Toby einen Schlag auf den Kopf und fand sich im 17. Jahrhundert wieder. Dadurch, das wir den Film komplett in der Gegenwart belassen haben, mussten wir uns keine Sorgen mehr machen um Telefonmasten, die im Bild zu sehen waren oder um Satellitenschüsseln, die an Häusern hingen.

Die Produktionsmitteilung hebt die vielen verschiedenen Locations hervor, an denen Sie den Film gedreht haben, weit entfernt der Großstädte. Haben Sie je überlegt, es sich leichter zu machen, indem Sie den Film in einem einzigen Set drehen, ähnlich wie Ihren vorangegangenen Film »The Zero Theorem«?

Nein. Ich fand, dieser Film müsse in der wirklichen Welt angesiedelt sein, er brauchte die Landschaften, wie ein Western sie braucht. Das schönste Kompliment kam von einem Experten für Spezialeffekte, der zu mir sagte, er liebe die Textur des Films, man könne die Landschaften förmlich riechen. Gerade weil es um den Wahnsinn von Don Quixote geht, brauchte ich eine reale Welt. Die Balance zwischen Fantasie und Realität hat mich immer fasziniert.

Das Wetter hat Ihnen beim ersten Dreh einen entscheidenden Strich durch die Rechnung gemacht. Wie haben Sie Sich diesmal darauf vorbereitet, gab es einen Plan B?

Wir haben einiges an Coverage gedreht, aber vergleichsweise wenig. Am Ende lagen wir im Budget und im Drehplan.

Der Film erzählt unter anderem von der zerstörerischen Wirkung, die Filme und Dreharbeiten auf unvorbereitete Menschen haben können. Konnten Sie dabei auf eigene Erfahrungen zurückgreifen?

Ja, das war bei »Die Ritter der Kokosnuss« der Fall. Wir kamen aus London in ein kleines Dorf in Schottland – Ehen zerbrechen, es gab Schwangerschaften, Menschen kommen nach London und glaubten an eine Filmkarriere. Film hat etwas sehr Verführerisches und Gefährliches.

Zwischen Tobys Studentenfilm und dem, was er heute macht, klafft eine große Lücke, was seine Haltung anbelangt.

Ich habe selber Werbung gemacht und kenne so viele Menschen, die durch dieses Geld korrumpiert wurden. 2002 habe ich einen Werbespot für Nike inszeniert und für die zehn Tage Arbeit mehr Geld bekommen als für ein Jahr Arbeit an »Don Quixote«. Das ist die Gefahr von Werbespots, viele Regisseure lieben sie, weil sie ihnen visuelle Spielereien erlauben, aber man muss sich immer klar machen, dass es am Ende nur darum geht, ein Produkt zu verkaufen.

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