Kritik zu Last Days

Trailer englisch © HBO

2005
Original-Titel: 
Last Days
Filmstart in Deutschland: 
11.01.2007
L: 
93 Min
FSK: 
12

Letzter Teil von Gus Van Sants Todes-Trilogie

Bewertung: 5
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Weit weg ist dieser Blake, ganz am Anfang schon. Man kann ihm nicht nahekommen. Und selbst die Kamera, die ihm manchmal zärtlich übers Gesicht streicht, kann den Schleier seiner Haare nicht heben, den hellen Wahn in seinen Augen nicht ergründen. Immer wieder verlässt er das Bild, und sie geht ihm nicht nach. Meistens kommt er irgendwann von alleine zurück. Folgen kann man ihm sowieso nicht.

In einem viel zu dünnen T-Shirt, das einmal weiß gewesen sein muss, und einer Pyjamahose stapft Blake am Anfang durch den Wald. Er stolpert durchs Unterholz, übergibt sich, badet im Wasserfall, brummt Wirres vor sich hin. Manchmal glaubt man Antworten wie aus einem fantasierten Interview zu verstehen, in denen Wörter wie »success« oder »project« wie ein Schluckauf durch alles Unverständliche hindurchtönen. Kein Ort scheint in diesem Moment weiter von der Heimat weg als dieser, kein Weg scheint noch offen. Nur dieses Hin und Her eines Rastlosen (glänzend verkörpert von Michael Pitt), von Drogen und psychotischen Trugbildern ins Reich der Schatten verbannt. Selbst zurück im Haus, einem wunderschönen, aber im Inneren heruntergekommenen Anwesen, gibt es keine Zuflucht vor der gespenstischen inneren Unruhe, die diesen Mann vor sich hertreibt, wie eine Katze die Maus, die sie schon sicher weiß.

Verlorener und vereinzelter ist der Held im Kino lange nicht gewesen. Sein Ende ist dem Anfang bereits eingeschrieben, wie es sich für einen Mythos gehört. Denn »Last Days« sind die von Gus Van Sant zu Ende gesponnenen fünf letzten Tage des Kurt Cobain. Die Grunge-Ikone, die mit der Band »Nirvana« vier Jahre durch die eigene Erfolgsgeschichte taumelte, erschoss sich im April 1994 mit einer Schrotflinte nicht weit von seinem Haus in Seattle.

In »Last Days«, mit dem Van Sant die Trilogie vom Sterben und vom Töten nach »Gerry« (2002) und »Elephant« (2003) beschließt, erfahren wir nicht viel mehr von der Starbiografie, als dass sie gerade zu Ende geht. Es gibt keine Geschichte, weil sich das Leben nicht zu Geschichten fügen mag. Es gibt auch kaum Musik, stattdessen diffuse Störgeräusche von anspringenden Kühlschränken, von Flugzeugen und Autos, die man nicht sieht. Es gibt nur diesen hermetischen Zustand, dieses Kreisen, in dem sich der Kontakt zu allen Dingen dieser Welt verliert.

Die Katastrophe ereignet sich ganz in der Entrückung. In einer Stimmung, die so düster und tragisch ist, so scheu und so fern, dass man sich noch eine Weile nach dem Kino knapp am Rande einer unrettbaren Welt glaubt.

Wie bei den zwei Vorgängern hat sich Van Sant auch im letzten Teil für ein Thema entschieden, das in den Medien bereits verhandelt wurde. Wieder hat er sich auf eine elliptische Erzählweise und einen einzigen Drehort festgelegt. Und wieder lässt er die Zeit vor und zurück laufen, betrachtet eine Szene aus multiplen Perspektiven und schafft so eine Wirklichkeit mit doppelten Rändern. Gleich mehrfach sehen wir Blake in die Knie gehen. Einmal von der Mitte des Raumes, ein anderes Mal aus dem Blickwinkel einer verschlafenen jungen Frau, ein weiteres Mal mit seinen eigenen Augen, vor denen die Zimmerwand heruntersaust. Doch im Vexierspiel der Blickwinkel entsteht kein Ganzes, keine große Erzählung vom übergeordneten Sinn. Van Sant lässt das jedem Wesen, jeder Tat eigentümliche Rätsel unangetastet.

Am Ende von »Elephant« schafft Van Sant es auf faszinierende Weise, dem ganzen Blutbad zum Trotz, das Leben als einen Fluss aus Geschichten und Momenten zu feiern. Er stößt uns auf den Glanz im Banalen. Auch in »Last Days«, seinem vielleicht noch größeren Werk, das die Kunst von »Elephant« stilistisch und erzählerisch weiterführt, weiter minimalisiert, gibt es solche Augenblicke. Wunderbare humoristische Inseln, auf die man sich eine Weile retten kann, wenn drumherum alles hoffnungslos zersplittert. Etwa als ein (übrigens echter) Vertreter der Gelben Seiten hereinspaziert, sich vom verwahrlosten Blake, der inzwischen ein Negligé übergestreift hat, nicht lange irritieren lässt. Diensteifrig erkundigt er sich nach geschäftlichen Erfolgen seines Kunden und empfiehlt ihm eine neu gestaltete Anzeige im Branchenverzeichnis. Dann der Zettel am Kühlschrank, der Blake daran erinnert, dass das Gewehr im Schlafzimmer ist. Die Andacht, mit der Blake vor einem bescheuerten »Boys II Men«-Video Platz nimmt. Oder das Erscheinen der zwei exakt gleichnamigen Vertreter der Kirche der Heiligen der letzten Tage. Blake versteht kein Wort, aber er hört zu, nickt und lächelt ohne Grund. Und das ist weit mehr, als sich zwischen ihm und all den ignoranten Kollegen und flüchtigen Freunden abspielt, die wie Tauben durch seine Ruine flattern. Irgendwann schlurft er mit der Flinte rüber zum Gerätehäuschen. Einer, der schon längst woanders ist. Nur seinen Körper muss er irgendwie noch nachschicken. Ein Heiliger der letzten Tage. So einer kommt nicht mehr zurück.

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