Kritik zu Killing Them Softly

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Dieser entschieden unglamouröse Gangsterfilm kann nicht nur mit einer hochkarätigen Besetzung aufwarten, sondern auch mit Dialogen aus der Feder eines der besten Krimiautoren Amerikas: George V. Higgins

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America« lautet das erste Wort, das in diesem Film zu hören ist. Es wiegt schwer, obwohl es aus dem Mund eines Politikers kommt. Es wird noch häufig zu hören sein in den nächsten anderthalb Stunden; nicht nur als Beschwörungsformel eines Kandidaten, der seine Landsleute erst einmal als Wähler betrachtet. Eingangs ertönt es aus dem Off, ist noch mit keinem Bild verbunden. Aber das Land ist in einer Filmsekunde bereits zu einer Handelsware geworden. Freunde des Gangsterfilmgenres werden dabei gewiss an das ebenfalls tiefschwarze erste Bild aus Der Pate denken, als der Bittsteller Bonasera sich mit dem Bekenntnis »I believe in America« an den mächtigen Don Corleone wendet.

Man darf sich Andrew Dominik als einen furchtlosen Regisseur vorstellen. Der Vergleich mit Vorgängern schreckt ihn nicht. Auch die Prätention scheut er nicht. Er wird geahnt haben, welche Last er seinem Film mit diesem ersten Wort aufgebürdet hat. Die epischen Ambitionen von Coppola verfolgt er nicht. Im Gegenteil: Killing Them Softly spielt in den niederen Rängen des organisierten Verbrechens, und an dessen Romantisierung ist ihm auch nicht gelegen. Gleichwohl findet auch er darin eine Metapher für das Land, das er als gebürtiger Neuseeländer indes mit fremdem, achtsam durchdringendem Blick betrachten kann. Schon in seinem vorangegangenen Film, dem elegischen Western Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford, stellte Dominik seine ambivalente Passion für amerikanische Mythen und sein beharrliches Erzählinteresse an Berufsverbrechern unter Beweis.

Dominik verlegt die Handlung von George V. Higgins’ Romanvorlage »Cogan‘s Trade« aus den 70er Jahren in den Herbst 2008, als die Finanzkrise ein ökonomisches Blutbad ungekannten Ausmaßes anrichtet und Barack Obama sich um das Amt des Präsidenten bewirbt. Zwei kleine Ganoven rauben im Auftrag des alternden Gangsters Johnny Amato (Vincent Curatola) die Teilnehmer einer illegalen Pokerrunde aus. Der Plan ist tückisch einfach und geht zunächst auch auf: Die Schuld wird dem Veranstalter Markie Trattman (Ray Liotta) zugeschrieben, der zuvor schon einmal sein eigenes Glücksspielunternehmen überfallen ließ und später dumm genug war, sich dieser Idee zu rühmen. Um das Gesicht zu wahren, ordnet das Syndikat Repressalien an. Wer die wahren Schuldigen sind, ist rasch ermittelt; Trattman allerdings darf auch nicht ungeschoren davonkommen. Der geeignete Mann für diese Aufgabe ist der erfahrene Vollstrecker Jackie Cogan (Brad Pitt), der jedoch den Fehler begeht, einen der Auftragsmorde an seinen alten Kumpanen Mickey (James Gandolfini) zu delegieren.

Schon der rissig fragmentierte Vorspann kündigt an, wie rabiat es fortan zugehen wird. Der Anfang signalisiert auch, dass dieser Film das genaue Zuhören verlangt und lohnt. Seine Tonspur ist ungemein ausgeklügelt. Ihr Grundprinzip ist der wohlfeile Kontrapunkt. Die Hinrichtungen sind mit romantischen Popsongs unterlegt (der erste Auftritt von Pitt allerdings triftig mit Johnny Cashs apokalyptischem »When the Man Comes Around«); die Versprechungen der Politiker verhallen resonanzlos in einem trostlosen urbanen Ambiente, das nicht erst die Lehman-Brothers-Pleite abwarten musste, um den Bach runterzugehen. Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten bestimmt freilich auch das Gebaren des schäbigen, mit Ausnahme eines zornigen Callgirls exklusiv männlichen Figurenensembles. Die Dialoge stammen weitgehend aus Higgins’ Roman. Der muss als ehemaliger Staatsanwalt sehr genau aufgepasst haben, wie seine Klientel spricht. Er hatte ein Ohr für ihre Leutseligkeit, mit der sie sich bisweilen um Kopf und Kragen bringen: Die Dummheit ist ein Faktor, der in Filmen über Berufsverbrecher allzu oft unter den Tisch gekehrt wird. Dominiks Film muss den Vergleich mit einer anderen großen Higgins-Verfilmung nicht scheuen: Die Freunde des Eddie Coyle aus dem Jahre 1973, wiederum inszeniert von einem Nichtamerikaner, dem Briten Peter Yates. Ohnehin ist Dominik der romantischen Desillusionierung des US-Kinos der 1970er stark verpflichtet. Tiefschürfende politische Analysen hält er nicht bereit, dafür aber eine enorme atmosphärische Hellsicht.

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