Kritik zu The International

Trailer englisch © Sony Pictures

Nein, der Film zur aktuellen Finanzkrise ist es nicht, dafür aber ein virtuoses Genreglanzstück, ein toller hitchcockianischer Banken-Politthriller, bei dem es Tom Tykwer richtig krachen lässt

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Ist Tom Tykwer nicht der Filmemacher, bei dem es immer – von »Winterschläfer« über »Lola rennt« bis zu »Heaven« und dem »Parfum« – um die Liebe ging, um die Sehnsucht nach Liebe, oder: um die Sehnsucht nach Erlösung durch Liebe? Wenn in »The International« gleich zu Beginn zwei Männer niedergestreckt am Straßenrand liegen, erwartet man, dass – wie in Tykwers »Der Krieger und die Kaiserin« – der rettende Engel erscheint. Stattdessen entfaltet sich ein Thriller, der Virilität, Action und Pessimismus zelebriert. Nach dem David-gegen-Goliath-Prinzip.

Die David-Figur ist der Interpol-Agent Louis Salinger (Clive Owen): ein einsamer Kämpfer für Gerechtigkeit, der zwar fragil und zerknittert erscheint, aber mit wilder Entschlossenheit vorgeht. Wenn ihm bisweilen die Staatsanwältin Eleanor Whitman (bezaubernd: Naomi Watts) zur Seite steht, dann bleiben Herzensdinge Fußnoten. Goliath ist die weltweit operierende IBBC-Bank: mit einem eiskalten Boss (Ulrich Thomsen) an der Spitze, der beim Schachspiel mit seinen Kindern Intrigen ausheckt. Diese Bank bringt Politiker in Schuldenabhängigkeit, organisiert Waffendeals, unterstützt Terroristen, facht Bürgerkriege an. Während es in der aktuellen Finanzkrise um platzende Kreditspekulationsblasen geht, handelt es sich hier um eine Bank als verbrecherische Überorganisation. Sie ist das »böse System«, gegen das der Gerechtigkeitseinzelkämpfer antreten muss.

»The International« hat einige recht konventionelle Momente: Hubschrauberfahrten zur Einführung der Schauplätze (Berlin, Mailand, New York, Istanbul), Vogelperspektiven, aus denen Menschen als Schachfiguren erscheinen. Aber das bleibt formale Interpunktion. Wesentlich sind die Passagen, in denen Tykwer das Genre virtuos über sich hinaustreibt: wenn die präzise in Szene gesetzte äußere physische Aktion als schockhafte innere Erfahrung des Helden spürbar wird.

Tykwer hat sich die Thriller des New American Cinema zum Vorbild genommen, entscheidend für das Gelingen von »The International« aber ist seine an Hitchcock geschulte Sensibilität. Er stellt den von Owen mit magnetischer Präsenz verkörperten Salinger ins Zentrum und macht dessen zwischen Paranoia und Hellseherei schwankende Obsession zum Motor. Tykwer inszeniert Action nicht als Ballerdelirium, sondern als präzise Körperchoreographie in sinnlich erfahrbaren Räumen – grandios beim Shootout im New Yorker Guggenheim-Museum.

Neue politische Erkenntnisse werden nicht geliefert. Dass Politiker, deren Handeln darin besteht, Schulden zu machen, Marionetten strippenziehender Geldleute sind, ist hinreichend bekannt. Die politisch interessanteste Figur verkörpert Armin Mueller-Stahl als ehemaliger Stasioffizier und Berater der bösen Bank. Kurz bevor auch er in diesem Spiel, bei dem das System immer siegen wird, als Leiche das Schlachtfeld ziert, muss er sich fragen lassen, warum er seine politischen Ideale verraten habe.

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