Kritik zu Hotel Ruanda

© Tobis

Don Cheadle in Terry Georges Film über das Massaker von 1994

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Alles war, natürlich, noch viel schlimmer. Doch hätte man, so sagt der authentische Paul Rusesabagina, die Wahrheit genau gezeigt, dann würde sie niemand sehen wollen. Einen Völkermord im Kino darzustellen, ist eine Unmöglichkeit – doch Regisseur Terry George gelingt es in seinem redlichen Spielfilm über Pauls Geschichte zumindest, den Mainstream-Anforderungen an Dramatik und Happy End gerecht zu werden, ohne seinen Helden und die Menschen, die er rettete, zu verraten.

Von April bis Juli 1994 töteten in Ruanda in 100 Tagen Hutu-Milizen fast eine Million Tutsi und damit jeden vierten Einwohner des Landes: ein Massaker, das fast unbemerkt von der "ersten" Welt vonstatten ging. Die UNO zog ihre Truppen im April ab, die Reporter zogen weiter nach Südafrika, wo die ersten freien Wahlen stattfanden: für die Hutu-Miliz eine Lizenz zum Töten.

Die Filmhandlung beschränkt sich auf das belgische Luxushotel Des Milles Collines in Kigali. Hotelmanager Paul Rusesabagina, ein Hutu, nahm dort 1268 Flüchtlinge auf und rettete ihnen das Leben.

Kaum je war man sich als Zuschauer seiner Hautfarbe so bewusst wie in der Schlüsselszene, in der weiße Hotelgäste und Journalisten hastig von UNO-Truppen evakuiert werden und die Afrikaner fassungslos und verzweifelt zurücklassen. Doch die Verantwortlichen, allen voran Militärberater aus Frankreich, werden kaum erwähnt und schon gar nicht gezeigt. Es liegt etwas, im Rahmen des Films durchaus nachvollziehbar Lakonisch-Verächtliches in diesem ungewohnten Weglassen des postkolonialen weißen "Überbaus", im Verzicht auf Legitimationsversuche und Schuldzuweisungen an die westliche Politik. Als das verkörperte schlechte Gewissen taucht lediglich ein von Nick Nolte gespielter raubeiniger UNO-Befehlshaber auf, der genau weiß, dass Paul und die Flüchtlinge zum Tode verurteilt sind.

Der bürgerkriegserfahrene Nordire Terry George (»Mütter & Söhne«, Drehbuch zu »Im Namen des Vaters«) hält sich weder mit dem Versagen des Westens noch mit einem spekulativen Warum der Gräuel lange auf. In seiner psychologisch dichten Inszenierung braucht er zudem nur wenige Streiflichter auf den Blutrausch außerhalb der Hotelanlage, um eine Atmosphäre totalen, wahnhaften Terrors zu erzeugen. Für Rusesabagina, der eine Tutsi-Frau und drei Kinder hat, bricht eine Welt zusammen, als er seinen wahren Wert in den Augen der Weißen erkennt, die er einst hofierte. Doch das ändert nicht sein antrainiertes Verhalten: Durchaus auch neugierig wird Pauls geistesgegenwärtige Strategie beobachtet, die ihn ein ums andere Mal um Haaresbreite davonkommen lässt. Don Cheadle als freundlich-distanzierter Mann von vollendeter Unscheinbarkeit, der nur privat zusammenbricht, erschafft einen einzigartigen "afrikanischen Schindler". Pauls professionelles Gentlemantum basiert auf einer schlitzohrigen Menschenkenntnis und einem Mut, der ihn auch angesichts mordlustiger, Macheten schwingender Hutus in der Hotellobby funktionieren lässt. Für Moral ist beim höflichen Schmieren der skrupellosen Warlords mit Alkohol und Geld, beim Lügen und sanften Erpressen kein Platz.

Hätte George aber beispielsweise gezeigt, wie Pauls Frau Tatiana schwer zusammengeschlagen wurde, statt sie mit leichten Blessuren davonkommen zu lassen, wäre das Zusehen unerträglich geworden. Roméo Dallaire, das Vorbild für den UNO-Colonel Oliver, hat inzwischen zwei Selbstmordversuche begangen; Paul Rusesabagina, der auf der Berlinale den Film vorstellte, vertraut niemandem mehr, plädiert aber dafür, den Film als Lehre für die Zukunft anzusehen. Selbst in der abgemilderten Leinwandversion ist sein permanenter Überlebenskampf zwischen Hoffnung und Horror umso erschütternder, als sich inzwischen in der Darfur-Provinz im Sudan ein "Ruanda in Zeitlupe" anbahnt: als ob die Warlords, anstelle der UNO, das Drehbuch gelesen hätten.

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