Kritik zu Herrenkinder

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Erbschaft dieser Zeit: die beiden Dokumentaristen Eduard Erne und Christian Schreiber spüren den Altlasten nationalsozialistischer Erziehung nach – auch in den Biographien der Kinder

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Vor fünf Jahren hat der Spielfilm »Napola« fiktional zu ergründen versucht, worin die Faszination einer »Nationalpolitischen Lehranstalt«, im Volksmund »Napola« genannt, bestehen konnte: in den Ritualen der Masse, dem organisierten Abenteuer, aber auch dem Drill.

15.000 junge Männer haben die mehr als 30 Kaderschmieden der Nazis durchlaufen, in denen die Elite des »Tausendjährigen Reiches« heranwachsen sollte, körperlich gestählt und geschult im Geiste des Nationalsozialismus, die künftigen »Herrenmenschen«. Aber wahrscheinlich war unter den Jungen, die einen »arischen« Stammbaum nachweisen mussten, die schulische Ausbildung nicht die weichtigste. Vielmehr der Sport und eine paramilitärische Ausbildung, die bis zum Umfallen exekutiert wurde.

In »Herrenkinder« sprechen Eduard Erne und Christian Schreiber mit ehemaligen Napola- Schülern. Bei einer Fahrt zu seiner Schule in Jlubnitz in Polen erinner sich der Autor und Kritiker Hellmuth Karasek: »Vis à vis von der Schule müsste ein sehr großer Platz sein, weil, da war so eine Laufbahn, da sind wir geschliffen worden. So in Hocke über den Platz gehen, Liegestütz machen, an der Kletterwand hoch und die Beine nach vorne strecken, während er mit dem Schlagstock unten langfährt, damit man die Beine dauernd hochhalten muss, also all das, was man Wehrertüchtigung oder Schliff nennen kann. Der Schliff dient ja dazu, einerseits den Körper fit zu machen und den Geist zu brechen. Das sind die beiden Ziele.«

»Mehr sein als scheinen« steht auf dem Dolch, den jeder in der Napola hatte. Und den Spruch »Gelobt sei, was hart macht« mussten viele verinnerlichen. Glauben – gehorchen – kämpfen war das Leitmotto. Dass man diese Gehirnwäsche und einen Drill, der auf eine partielle Zerstörung der Persönlichkeit zielt, nicht einfach so ablegen kann, auch wenn die NS-Zeit schon längst vorbei ist – damit beschäftigt sich Herrenkinder. Mit dem Fortleben einer Ideologie in einer anderen Gesellschaft. Das eigentliche Thema dieses Films ist der Umgang der Kinder mit der Vergangenheit ihrer Väter, der emotionalen psychischen Erbschaft. Eine Tochter spürt ihren Eltern nach, die sich vor 20 Jahren umgebracht haben, als sich die ersten Anzeichen von Alter und Krankheit meldeten. Eine andere Tochter spricht über ihren Vater, der immer noch zur Parole »Gelobt sei, was hart macht« steht und von diesem Erziehungsideal nicht abweichen will. Es ist mitunter schwierig, solchen stark auf die eigene Familie bezogenen und stark emotional geprägten Aussagen zu folgen. Und manchmal hat man das Gefühl, dass Erne und Schreiber ihren Protagonisten nicht so ganz vertrauen, wenn sie bei den Besuchen in den Originalschauplätzen Archivaufnahmen aus den ehemaligen Napolas auf die Wände projizieren. Solche Mätzchen hätte sich dieser Film sparen können.

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