Kritik zu Hedi Schneider steckt fest

© Pandora

2015
Original-Titel: 
Hedi Schneider steckt fest
Filmstart in Deutschland: 
07.05.2015
Musik: 
A: 
L: 
92 Min
FSK: 
12

Die Angst und was sie mit unserem Leben macht: Sonja Heiss (»Hotel Very Welcome«) versucht in ihrem neuen Film, komödiantisch zu bebildern, wie Panikattacken in den Alltag einer Frau und Mutter (gespielt von Laura Tonke) eindringen

Bewertung: 4
Leserbewertung
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3.3 (Stimmen: 3)

Hedi (Laura Tonke) radelt unbeschwert durch Frankfurt. Mit ihren bunten Klamotten erscheint die lebensfrohe 40-Jährige wie eine Seelenverwandte der liebenswürdigen Sally-Hawkins-Figur aus Mike Leighs Komödie »Happy-Go-Lucky«. Ihr eintöniger Job im Reisebüro ist zwar nicht das Gelbe vom Ei. Und auch ihr suizidgefährdeter Mitarbeiter gibt eine eher düstere Vorahnung. Privat scheint bei Hedi aber alles im Lot zu sein. Mit ihrem liebenswürdigen Partner Uli (Hans Löw) und ihrem kleinen Sohn Finn (Leander Nitsche) lebt sie offenbar vergnügt in den Tag hinein.

Plötzlich ist Schluss mit lustig. Hedi wird von einer Panikattacke heimgesucht. Sie glaubt, einen Schlaganfall zu erleiden. Ein medizinisches Problem kann der Notarzt zwar nicht feststellen, doch der Alpdruck bleibt: ein bemerkenswertes filmisches Sujet, denn Angst hat kein Gesicht, lässt sich nicht wirklich bebildern. Regisseurin Sonja Heiss weiß das aus eigener Erfahrung und versucht gar nicht erst, die Panikattacken mit formalen Tricks zu visualisieren. Der Autorenfilmerin, die sich nach ihrem Debüt »Hotel very Welcome« von 2007 zurückmeldet, geht es um die Lebenssituation ihrer Heldin Hedi. Die »steckt fest« – so kündigt es bereits der Titel an. Doch wo klemmt es denn in ihrem scheinbar so stressfreien Dasein?

Der Fahrstuhl, in dem sie zu Beginn eingeschlossen wird, kann es nicht sein. In dieser eigentlich beklemmenden Situation zeigt Hedi keine Spur von Panik. Ganz locker schäkert sie via Gegensprechanlage mit dem Reparaturtechniker. Die komödiantische Situation im Aufzug erscheint aber wie eine Metapher für Hedis Leben, das sich auf den zweiten Blick schon etwas anders darstellt. Zu Beginn, als die Welt noch in Ordnung schien, tun Hedi, Uli und ihr Sohn so, als würden sie ein erlegtes Stofftier verspeisen. Am Ende verkleiden die drei sich im Norwegenurlaub mit lehmverschmierten Gesichtern und Baströcken als Eingeborene, die mit der Natur eins sein wollen. Offenbar denken progressive Eltern sich pädagogisch einfühlsam in die Wahrnehmung ihres Kindes hinein. Dem Spiel kommt dabei allerdings eine immer seltsamer werdende Doppelbedeutung zu. Hedi und Uli spielen permanent – vor allem sich selbst, sogar beim Sex. Nicht zufällig beginnen dabei Hedis Panikattacken.

Es folgen Besuche bei der Neurologin, dem Therapeuten und in einer Zoohandlung. Alles erscheint wie absurdes Theater. Wenn Hedi ihre Tranquilizer wie bunte Smarties einwirft, dann startet sie aus der Angstdepression zur Party durch. Absturz inklusive. Für Uli ist dieser emotionale Pflegefall bald zu viel. Er geht fremd, worauf der Film seine Heldin auffällig lange alleine lässt, um Ulis Intermezzo mit einer aparten Gehörlosen (Melanie Straub) zu schildern: Interessanterweise ist dies der einzige Moment des Films, in dem die Figuren sich nichts vormachen.

Bei seiner Rückkehr scheint Hedi sich gefangen zu haben, bietet aber ein seltsames Bild. Aus dem Kassettenrekorder plärrt das Bratkartoffellied vom Grips-Theater. Hedi fordert Uli mit gequältem Blick auf, wie üblich in ein Rollenspiel mit ihrem Kind einzusteigen. Man möge doch wieder so tun, als wäre man Vater, Mutter und Sohn. Hier wird klar, wo Hedi steckengeblieben ist. Sie ist nicht wirklich angekommen in diesem Leben, in dem die Party zu Ende ist und jemand den Müll vor die Tür bringen muss. Das diffuse Neben-sich-Stehen bekommt der Film aber nicht wirklich in den Griff. Dazu wird die Hauptfigur, eine schwermütige Pipi Langstrumpf, zu sehr gefeiert. Laura Tonke hat starke Momente, wenn sie sich mit Hans Löw über vermeintliche Kleinigkeiten in die Haare bekommt. Doch ihr Outfit mit den riesigen bunten Kirschen auf dem Pullover drückt eine Infantilisierung aus, eine erlernte Hilflosigkeit, die weniger reflektiert als zele­briert wird. So hinterlässt das komische Drama trotz berührender Momente einen ambivalenten Eindruck. Nicht nur Hedi Schneider, sondern auch der Film steckt zuweilen fest. Sehenswert ist der ambitionierte Versuch über Angst aber allemal.

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