Kritik zu Hannes

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Eigentlich wollten die beiden zum Kap Hoorn. Nun liegt einer im Koma. Nach einem Briefroman von Rita Falk hat Hans Steinbichler einen Film inszeniert, der gekonnt zwischen Melodram, Coming-of-Age-Story und Buddy-Komödie balanciert

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Easy Rider in den Dolomiten. Übermütig rauschen Hannes (Johannes Nussbaum) und Moritz (Leonard Scheicher) auf ihren Motorrädern die Serpentinen hinauf. Die beiden Neunzehnjährigen, am selben Tag in derselben Klinik geboren, sind Freunde fürs Leben. »Wo du hingehst, da gehe ich auch hin«, haben sie sich einmal geschworen, Kap Hoorn ist das erste große Ziel. Während Hannes ein draufgängerischer, dabei zielstrebiger Charakter ist, Zivi in der noblen Seniorenresidenz »Vogelnest«, lässt der verträumte Moritz die Dinge gern schleifen.

Als Hannes, der mit Moritz' defektem Motorrad unterwegs ist, in einer Kurve die Kontrolle über die Maschine verliert und eine Böschung hinunterstürzt, ist es mit der gemeinsamen Zukunft vorbei. Hannes fällt ins Koma. Seine Eltern geben Moritz eine Mitschuld an dem Unfall, die Mutter von Hannes (Jeanette Hain) macht ihm die Tür vor der Nase zu. Bei der Lektüre von Hannes' Tagebüchern beschließt Moritz, dessen Leben weiterzuleben – bis der Freund wieder aufwacht. Schwester Walrika (Gabriela Maria Schmeide), die Leiterin der Residenz, gibt Moritz eine Chance, obwohl der alsbald das Haus mit seiner liebenswert-chaotischen Art aufmischt und mit der Psychologin Dr. Redlich (Verena Altenberger) eine Affäre beginnt. Aber sein Lebenshunger ist letztlich eine Flucht vor der Erkenntnis, dass das Leben für Hannes nicht weitergehen wird.

Regisseur Hans Steinbichler, mit »Hierankl« (2003) und »Winterreise« (2006) als Spezialist für süddeutsches Lokalkolorit ausgewiesen, macht aus Rita Falks Briefroman einen Film über starke Gefühle, ohne dabei ins Sentimentale abzugleiten. »Hannes« wechselt zwischen statischen Momenten, wenn Moritz Tage und Nächte am Bett des Freundes verbringt, und turbulenten Flashbacks, wenn er von der gemeinsamen Vergangenheit der beiden erzählt – vom ausgelassenen Feiern mit Freunden oder von Hannes' zweifelhafter Mutprobe, als er, nur mit einer Lederjacke bekleidet, an der Tanke ein Päckchen Tabak kaufte. 

Steinbichlers Film hält die schwierige Balance zwischen Melodram, Coming-of-Age-Film, Roadmovie und Buddy-Komödie und hätte die unverkennbaren Anleihen bei »Ziemlich beste Freunde« gar nicht gebraucht. Der elegische Grundzug des Soundtracks (Musik: Arne Schumann und Josef Bach) hält dabei die tragische Seite der Geschichte immer gegenwärtig. 

Gelegentliche Längen überspielt der Film mit Bildern von herbstlichen Alpenpanoramen, die manchmal an Fototapeten erinnern, und mit seinem herausragend besetzten Ensemble. Gabriela Maria Schmeide konterkariert das geläufige Image der hartherzigen Oberschwester und raucht mit Moritz hin und wieder eine Zigarette, nach dem Motto »Verbote gelten nur für Gäste«. Vor allen anderen aber ist es Hannelore Elsner als vom Tod ihrer Enkelin traumatisierte »Vogelnest«-Bewohnerin, die »Hannes« tragische und komische Momente verleiht. Als Frau Stemmerle, ehemalige Lehrerin der beiden Protagnisten, verströmt die hier ganz als Grande Dame inszenierte Elsner einen erotischen Charme, dem auch Moritz sich nicht entziehen kann; eines Nachts teilt er mit ihr nicht nur die Medikamente. 

Es ist der letzte Kinoauftritt der 2019 verstorbenen Hannelore Elsner. Ihr hat Steinbichler seinen Film gewidmet.

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