Kritik zu Gundermann

© Pandora Film Verleih

2018
Original-Titel: 
Gundermann
Filmstart in Deutschland: 
23.08.2018
Musik: 
L: 
127 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Andreas Dresens Biopic über den früh verstorbenen, Traktor fahrenden Liedermacher mit widersprüchlicher Vergangenheit Gerhard Gundermann ist ein ­kluger und einfühlsamer Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte

Bewertung: 4
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

Immer wieder ist es zu sehen, das riesige Braunkohlegrubenloch mitten in der weiten, grauen Leere der ostdeutschen Landschaft, in die sich die Schaufelräder eines Monsterbaggers hineinfräsen. Das ist der eine Arbeitsplatz von Gerhard Gundermann, im Kontrast zu dem anderen, mit der Gitarre auf kahlen Liedermacherbühnen und in Aufnahmestudios. Im Spannungsfeld zwischen zwei Zeitebenen, Mitte der 70er Jahre in der DDR und Mitte der 90er Jahre in der Nachwendezeit, wird ein Leben erzählt, in das der Widerspruch von Anfang an eingeschrieben ist. Der Regisseur Andreas Dresen und die Drehbuchautorin Laila Stieler sind ein eingespieltes Team, in gemeinsamen Filmen wie »Die Polizistin«, »Willenbrock«, »Wolke Neun« haben sie das deutsche Lebensgefühl auf immer neue Weise behutsam und doch genau eingekreist, immer wieder aus dem intimen Blick auf einzelne Lebensgeschichten größere Zusammenhänge destilliert.

Relativ am Anfang gibt es diesen Moment, in dem Gerhard Gundermann (Alexander Scheer) einen Kollegen (Milan Peschel) zu Hause besucht, um ihm zu gestehen, dass er ihn viele Jahre lang als IM, als »inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit«, bespitzelt hat. Der Kollege ist einen Moment lang konsterniert, auch ein bisschen verblüfft, doch dann löst sich die Anspannung, er grinst zwischen Schelm und Scham, ein Gefühls-Medley, das Milan Peschel in feinen Nuancen über sein Gesicht ziehen lässt: »Ich hab dich auch bespitzelt.« Worüber wiederum Gundermann ein bisschen entsetzt ist. Später will er, der Täter, in der Gauck-Behörde seine Opferakte einsehen, als die aber nicht auffindbar ist, verlangt er kurzerhand seine Täterakte. Doch das ist im System Gauck nicht vorgesehen, dabei will Gerhard Gundermann sich einfach nur selber Klarheit verschaffen, denn bekanntlich ist die Erinnerung unzuverlässig und trügerisch, man sortiert und filtert das Erlebte, poliert die Kanten, beschönigt das eine, vergisst das andere.

Derzeit gibt es eine ganze Reihe von Filmen, die das fragile Verhältnis von Realität und Erinnerung, von Verdrängen und Vergessen ausloten. Gerade im komplizierten Komplex politischer Aufarbeitung von Schuld und Gewissen in Nationalsozialismus und DDR-Geschichte ist die tastende Suche im Sumpf der Möglichkeiten allemal hilfreicher als vorschnelle Verurteilungen und Schuldzuweisungen. Darum ist der neue Film von Andreas Dresen auch sehr viel mehr als nur die Biografie des widersprüchlichen und früh verstorbenen Nachwende-Liedermachers Gundermann. Es ist ein kluger, einfühlsamer, vielschichtiger und vor allem auch sehr berührender Beitrag zur deutschdeutschen Geschichte, zu einem differenzierteren, menschlicheren Umgang damit. Ein ehrliches Ringen mit individuell erlebter Vergangenheit, ganz ohne arrogante Zeigefinger-Besserwisserei.

Dieser Gundermann, wie ihn der große Theater- und Kino-Mime Alexander Scheer jetzt verkörpert, macht es einem nicht leicht, mit Bewunderung und Identifikation. Zunächst ist er vor allem sperrig, fast sogar ein bisschen unsympathisch, wie er sich da mit all seinen menschlichen Makeln präsentiert, die sehnig hagere Gestalt in labbrigen Jeans und unförmigen Pullovern, die strähnigen Haare zum dürren Pferdeschwanz zusammengezurrt, der wässrig-suchende Blick durch riesige Brillengläser, die er immer wieder unbeholfen auf der Nase rumruckelt, all die linkischen kleinen Bewegungen und Ticks wie das näselnde Ausschnauben der Luft. Dann erst die Feigheit, der Verrat, der Betrug, die Ausflüchte. Erst nach und nach versteht man auch seinen durchaus widerspenstigen Eigensinn, seine innere Stärke, eine Aufmüpfigkeit, die sich durchaus gegen das System wandte. Und dann der schöne Satz, der viel ehrlicher und tiefgründiger ist, als es jede offizielle Abbitte sein könnte: »Ich werde nicht um Verzeihung bitten. Aber mir selbst kann ich nicht verzeihen.«

Meinung zum Thema

Kommentare

Hallooo liebe Anke, Gundi als Traktor fahrenden Liedermacher zu bezeichnen ist schon ziemlich merkwürdig. Die Dinger, die er steuerte waren riesig!

...und vor allem KEINE Traktoren.

Gleich im ersten Satz den ersten Fehler, super. Es war ein gigantischer Bagger und kein Traktor. Und Gundi war beileibe kein Nachwende-Liedermacher, sondern vielmehr gerade vor der Wende ein wunderbarer Poet und großartiger Mensch, der nun endlich dem "breiten" Publikum bekannt wird.

Schon was 20 Jahre alt und wohl eher vergessen der Film von Richard Engel: Ende der Eisenzeit. Wäre wohl interessant sich beide Filme noch mal im Zusammenhang anzusehen. Einmal Fiktion und dann eine Doku... und zusehen, wie Fiktion und Doku sich zu Bildern ergänzen oder auch ganz unterschiedliche Bilder zeichnen

KINOHIT „GUNDERMANN“

Ich bin angepisst. Ich war gerade im Film "Gundermann". Na ja, ich tröste mich, dass der Film gut ausgeht, nämlich hat die "Qual", für "Die" wenigsten ein Ende. Jedenfalls ist der Film "Gundermann" ein netter, oberflächlicher Film über den "Die" sich dann nett austauschen können und sich über die Gegenwart und die Qualen der anderen freuen können.
Antje Dreist

Vorweg: Ich war mit Gundi befreundet.
Leider reduziert sich der Film viel zu sehr auf die Stasi-Verstrickungen die bis ins Jahr 1984 reichen sollen.
Die Vielschichtigkeit und Zerissenheit Gundermanns kommt leider nicht zum Ausdruck, Gundi war viel mehr als der spitzelnde, liedermachende Baggerfahrer.
Gundi war Kommunist und Dissident, höchst sensibel und polternd, streitbar, eckig, schrullig, selbstkritisch, hinterfragend, zweifelnd, hyperaktiv....
Er lebte nur drei Leben auf einmal.

Die schauspielerische Leistung von Alexander Scheer ist absolut super. Man könnte meinen, Gundi hätte sich selbst gespielt. Sogar Conny wurde hervorragend getroffen.

Ich kenne nur Gundis Musik, die ich äußert schätze. Leider könnte dem einen oder anderen durch diesen Film diese Werke von Gundi vergehen.
Außerdem ist dieser Film eine Beleidigung für wahre Opfer diesen Regimes.

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