Interview mit Regisseur Andreas Dresen

Wenn die DDR so wild ­gewesen wäre …
Andreas Dresen am Set von »Gundermann« (2018)

Andreas Dresen am Set von »Gundermann« (2018). © Pandora Film Verleih

Andreas Dresen hat in ­seinem letzten Film »Als wir träumten« von ­einer Leipziger Jugendclique nach der Wende erzählt. Jetzt holt er weiter aus: In der Figur des Rockmusikers »Gundermann« verdichten sich Erfahrungen aus zwei Gesellschafts­systemen

Mit feinem Gespür für historische Zusammenhänge, Zärtlichkeit und Humor wirft der Regisseur Andreas Dresen (Jahrgang 1963)  in seinem neuen Spielfim »Gundermann« einen Blick auf das Leben von Gerhard »Gundi« Gundermann. Der in Weimar geborene »singende Baggerfahrer« aus der Lausitz war einer der prägendsten Künstler der Nachwendezeit und eine extrem widersprüchliche Person: Kommunist mit »unerwünschter eigener Meinung«, Weltverbesserer, Stasi-IM und Poet. Er starb 1998, mit gerade einmal 43 Jahren. »Gundermann« ist Heimat-, Musik- und Liebesfilm. Das Drehbuch stammt von Laila Stieler. Die Hauptrolle spielt Alexander Scheer, der alle Lieder im Film selbst eingesungen hat. Für epd Film traf Anke Westphal den Regisseur Andreas Dresen an einem heißen Juliabend in einem Potsdamer Restaurant.

epd Film: Herr Dresen, Gerhard Gundermann ist für viele im Osten eine Kultfigur. Ein Arbeiter, der auch Künstler war, aber nicht von seiner Musik leben wollte. Ein SED-Mitglied, das von der Partei ausgeschlossen wurde. Ein Stasi-IM, der selbst bespitzelt und Anfang der 1980er
von der Stasi rausgeworfen wurde. Wie kamen Sie dazu, ausgerechnet einen Film über ihn zu machen?

Andreas Dresen: Ich kannte Gundi nicht persönlich, sondern habe ihn nur bei Konzerten erlebt, wie viele andere auch. Sein Name wurde mir Anfang der 80er Jahre ein Begriff, als irgendwann im DDR-Fernsehen der schöne Dokumentarfilm »Gundi Gundermann« von Richard Engel lief. Der wurde spätabends versteckt gesendet – Gundermann war ja damals schon umstritten, aber die Sendung hatte sich ’rumgesprochen. Ich habe damals gerade Abitur gemacht und war total beeindruckt von dem Typen: ein singender Arbeiter mit kritischem Blick auf den Osten, der überall aneckt. Dass so etwas im DDR-Fernsehen lief, war ungewöhnlich. Zudem hatte Gundi in diesem Film beim Singen so eine magische Art – fast etwas Autistisches. Dann tauchte Gundermann Ende der 80er wieder in meinem Bewusstsein auf. Ich war in Schwerin, und Gundermann trat bei einem großen Theaterabend von Christoph Schroth mit seiner damaligen Band Brigade Feuerstein auf. Da habe ich ihn zum ersten Mal live gesehen, und mir fiel auf, dass er mit der Band nicht harmonierte – er war einfach eine zu starke Persönlichkeit. Nach der Wende startete Gundermann noch mal durch mit einer Band, die sich provokant »Seilschaft« nannte, und ich habe mir seine Platten und CDs gekauft. Ich wurde ein reger Konzertgänger, habe ihn oft spielen sehen. Heute singe ich ein paar seiner Lieder in unserer Band mit Axel Prahl.

Gundermann ist Ihr erster Film über einen Menschen, den es wirklich gab. Nun richtet sich das Leben wenig nach dramaturgischen Erfordernissen. Was waren die besonderen Schwierigkeiten hier?

Zum einen gab es Schwierigkeiten mit dem Thema. Da wurde in der Finanzierung schon mal geäußert: Ein Film über Gundermann? Den kennt doch keiner! Bei einem Film über Rio Reiser hätte das wohl niemand gesagt. Außerdem ging es ja neben der Person vor allem um die zu erzählende Geschichte. Das hat mich sehr geärgert, dass man sich als Ostdeutscher immer wieder rechtfertigen muss, wenn man aus der eigenen Lebenswirklichkeit und Erfahrung erzählen möchte. Zum anderen stellte sich die Frage, wie man so ein komplexes Leben wie das von Gundermann in zwei Stunden Filmlaufzeit bündelt, was man also auswählt oder weglässt. Diese Frage stand vor allem vor der Drehbuchautorin Laila Stieler. Am Anfang hat sie natürlich eine große Recherche gemacht und mit ganz vielen Leuten gesprochen, die Gundi gut kannten. Vor allem mit dessen Frau Conny, die die Entstehung des Films innig begleitet hat. Wir haben gut zehn Jahre mit diesem Stoff gerungen.

Zehn Jahre sind viel Zeit für eine Stoffentwicklung ...

Insgesamt sind dabei acht grundlegend verschiedene Fassungen entstanden. Laila hat unglaublich viel experimentiert und ausprobiert: Es gab Interviews mit den Filmfiguren im Woody-Allen-Stil, Zeittafeln, Trickfilmsequenzen, Zwischentitel, Märchenszenen, Archivmaterial, Dokumentarteile, alles Mögliche . . . Wir hatten solche Elemente teilweise auch noch bei der Arbeit am Schnitt im Film. Kurzum: Wir haben sehr lange um eine Modernität der Erzählung gerungen. Wir hatten Angst, dass der Film zu antiquiert oder auch ostalgisch daherkommt. Und dann mussten wir herausfinden, wo die Zeitsprünge gesetzt werden, wo sie logisch sind. Das Hauptproblem aber war, einen emotionalen Fluss herzustellen, auch mit den Songs. Die sollten ja nicht unvermittelt und isoliert in der Erzählung dastehen.

Der Film spielt jetzt auf zwei verschiedenen Zeitebenen: 1975 in der DDR und 1995 in der Nachwendezeit. Was war ausschlaggebend für diese Entscheidung?

Zum einen wollten wir den Umgang mit der Stasiverstrickung und der eigenen Schuld wie eine erzählerische Klammer benutzen. Man sieht also, wie Gundermann in den 90ern von seiner Vergangenheit eingeholt wird und sich damit auseinandersetzen muss, in den 70ern, wie er damals war und wie es dazu gekommen ist. Die Hauptfigur wird also dazu geführt, noch einmal zurückzuschauen – und der Zuschauer auch. Das ist die Begegnung mit der eigenen Vergangenheit, die ja auch gern verdrängt wird – Gundermann starrt im Film schließlich selbst fassungslos auf die dicken Stasiordner über seine IM-Tätigkeit. Laila und ich wollten hier einen genauen Blick auf die komplexen Zusammenhänge richten: Wie hat der Mann damals gelebt? Wie ist es dazu gekommen, dass er andere bespitzelt hat? Welche Umstände spielten eine Rolle? Und wie setzt man sich damit auseinander, was man getan hat? Das alles wollten wir möglichst differenziert abbilden. Zum anderen hatte Laila von der Recherche diese wunderbare Liebesgeschichte zwischen Gundi und Conny mitgebracht, die uns gar nicht so klar gewesen war. Er hat ja jahrelang um sie gekämpft. Diese beiden Segmente, die Stasigeschichte und die Liebesgeschichte, bestimmen im Wesentlichen dramaturgisch den Film – und natürlich die wunderbaren Songs. Es war uns relativ zeitig klar, dass wir mit dem Film nicht bis zu Gundermanns Tod gehen würden.

Der Film enthält 18 Songs von Gundermann, die zum Teil etwas anders arrangiert, quasi entschlackt sind. Warum?

Das ist mein erster Musikfilm, und ich habe mich natürlich gefragt: Wie gehe ich mit diesem Erbe von Gundi um? Die Lieder haben im Film ja auch eine dramaturgische Funktion – also ging es nicht einfach nur darum, unsere Lieblingssongs unterzubringen. Manche der Songs sind zudem viel früher entstanden, als Gundermann sie veröffentlicht hat. Wir wollten in all dem genau sein. Im Vorfeld haben wir uns diverse Musikfilme angeschaut, besonders anregend war der Johnny-Cash-Film »Walk the Line« von James Mangold mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon. Da waren die Songs auch behutsam modernisiert und von den Schauspielern interpretiert worden. Bei uns singt Alexander Scheer alle Lieder selbst. Als Band hätte Gundermanns Seilschaft, die es noch gibt, sicher nahegelegen, aber wir dachten uns, dass es vielleicht nicht so schlau wäre, genau diese Band zu nehmen, wenn wir vom rein Historischen wegkommen wollen. Mein Musikberater und Freund Jens Quandt brachte dann die ehemalige Band von Gisbert zu Knyphausen ins Gespräch, ein toller Singer/Songwriter. Tatsächlich haben wir alle Songs mit dieser Band aufgenommen. Durchweg Leute aus dem Westen, die Gundermann vorher überhaupt nicht kannten und sich die Songs erst aneignen mussten. Das war der interessante Punkt! Wir wollten gleichzeitig nah und fern sein, was die Songs angeht, also nah am Original, aber ohne es zu kopieren. Uns kam zupass, dass Gisberts Band anders instrumentiert ist als die Seilschaft. Die Bläser beispielsweise fielen schon mal weg. Gundis Songs sind bei uns jetzt etwas luftiger, mehr Rock, weniger Folk. Für Fans ist es hoffentlich reizvoll, sie etwas anders arrangiert zu hören, und für andere wird vielleicht eine Tür aufgestoßen.

Ist Gundermann so etwas wie ein Spiegel der DDR?

Wäre schön, wenn die DDR so komplex, wild und auch schillernd gewesen wäre wie Gundermann, aber in Wahrheit war sie wohl ­etwas schlichter, spießiger. In seiner Person zeigen sich aber sehr gut die Widersprüche dieses Landes. Das war für uns auch das eigentlich Interessante. Für viele Linke im Osten stand ja das Problem, dass man eigentlich für die DDR war, nur nicht in der vorhandenen Form. Man wollte sie anders, besser, demokratischer, sie in ihrer kleinbürgerlichen Piefigkeit quasi links überholen. Gundermann war Kommunist, wollte aber die Bedingungen für die Arbeiter verbessern. Er hasste die Bonzen, hat die DDR an deren eigenen Maßstäben beim Wort genommen – und ist deswegen zum Feind im eigenen Land geworden. In den 80er Jahren hatte Gundermann massive Schwierigkeiten: Ausschluss aus der SED wegen »prinzipieller Eigenwilligkeit«, Auftrittsverbote – am Ende wurde er selbst von mehreren Leuten bespitzelt. Im Westen war er dann auch wieder so was wie ein Außenseiter.

Ist dies prototypisch der Mensch, der nirgendwo richtig hineinpasst?

Gundermann erinnert mich in gewisser Weise an meinen Vater (den Theaterregisseur Adolf Dresen), der in den Westen ging, nachdem er die Biermann-Petition unterschrieben hatte, und auch in keiner der beiden Welten wirklich zu Hause war. Er hat sowohl die DDR als auch den Westen von links kritisiert. Eine der traurigsten Szenen im Film ist für mich die mit dem Parteiveteranen, gespielt von Peter Sodann: Da sitzen drei Kommunisten aus verschiedenen Generationen am Tisch und finden absolut nicht zueinander. Alle Stühle sind hochgestellt – die Party ist vorbei. Eine Riesentragödie.

»Gundermann« ist auch ein Film über Heimat. Er blickt noch einmal neu auf ein verschwundenes Land. Besonders ­eindringlich fand ich im Film die Gestaltung der Arbeitswelt, des Alltags im Braunkohletagebau. Das ist beste DEFA-Tradition.

Dabei haben wir an Filme wie »Spur der Steine« von Frank Beyer gedacht, gerade was das selbstbewusste Auftreten von Arbeiterfiguren angeht. Das gibt es heute nur wenig – oder vielleicht wird es im Kino auch nur zu wenig gezeigt. Gundermann kann man aber ohne den Tagebau, wo er als Baggerfahrer arbeitete, nicht verstehen. Er hat sich da geerdet. Vor dem beziehungsweise nach dem Konzert ging er zur Schicht. Mit den Füßen im Dreck, mit dem Kopf in den Wolken. Nach ausverkauften Konzerten saß er dann allein in seiner Baggerkabine. Was für ein krasser Kontrast! Den hat er gebraucht.

Mir ist aufgefallen, dass viele Ihrer Filme in Übergangs­situationen spielen. Kein Zufall, oder?

Nein. Der Umbruch des Mauerfalls, der Wendezeit hat meine Biografie natürlich sehr geprägt. Für mich ist er wie ein Geschenk, ein Riesenpfund, sich selbst in so einem gesellschaftlichen Umbruch erlebt zu haben – mit allen Schwächen und Stärken, die dabei zutage treten. Sich neu orientieren zu müssen, dabei Erfahrungen aus zwei ganz verschiedenen Gesellschaften zu haben, ist sehr spannend und beschäftigt mich bis heute. Obwohl wir jetzt fast dreißig Jahre weiter sind, wird immer noch über den Osten und die Leute aus dem Osten diskutiert. Oft auf eine sehr unfaire Art.

Unlängst wurden in den Medien Ostdeutsche sogar mit Migranten verglichen. Was halten Sie davon?

Nun ja, der Osten ist ja im Prinzip freiwillig in den Westen emi­griert. Ich war da nicht dafür. Ende 1989 bin ich in Leipzig noch mit einem Häuflein Filmstudenten auf die Straße gegangen und habe demonstriert gegen die Wiedervereinigung und für eine Konföderation. Doch da kamen uns natürlich Hunderttausende entgegen, die anderer Meinung waren, und so ist es dann logischerweise auch gekommen. Der Druck der Straße hat die Schnelligkeit der Ereignisse befördert. Jedenfalls finde ich es kurios, wenn heutzutage abfällig über Wirtschaftsflüchtlinge gesprochen wird. Die Ostdeutschen waren letztendlich auch Wirtschaftsflüchtlinge. Die Leute wollten endlich mal die schönen Dinge aus dem Werbefernsehen haben, die so unerreichbar schienen in der DDR. Endlich diesen ganzen Krempel, aber auch endlich reisen dürfen, wohin man will. Ein Jahr später waren die meisten arbeitslos, und die Leute, die erst so bereitwillig Helmut Kohls CDU gewählt hatten, wählten bald darauf PDS. Sie merkten, dass sie den Ast abgesägt hatten, auf dem sie gesessen haben. Insofern ist diese Übergangszeit ein interessanter Vorgang, über den man spannende Filme machen kann.

Gundermann hat mal vom »Druck der Erinnerung« gesprochen. Spüren Sie den auch?

Ich habe ja das Glück, dass ich in meiner Arbeit von der Erinnerung erzählen kann. Ich merke aber, dass ich die Deutungshoheit über meine eigene Geschichte haben möchte und ungeduldig werde mit Leuten, die sie beanspruchen. Ich habe es lange gelassen, über Ostdeutsche zu erzählen. In den 90ern habe ich drei Filme mit ostdeutschem Bezug gemacht, die keiner sehen wollte (»Stilles Land«, 1992; »Das andere Leben des Herrn Kreins«, 1994; »Raus aus der Haut«, 1997). Wahrscheinlich funktionieren komplexere Sichten auf den Osten Deutschlands schwieriger. Hollywoodkompatible Erzählungen wie in das »Das Leben der Anderen« oder reine Komödien sind natürlich leichter konsumierbar, kommen medial besser an. Diese Filme haben ja auch durchaus ihre Reize. Aber weder Laila noch ich hatten darauf Lust. Wir wollten so genau wie möglich erzählen, weil man sonst nicht hinter die Fassaden kommt. Ich bin gespannt, ob die ­Leute »Gundermann« sehen wollen. Einen Film über ­einen ­Menschen, der aus reinem Herzen schuldig wird.

Gundermann muss sich selbst Rechenschaft geben. Am Ende des Films sagt er: »Ich bin enttäuscht von mir.«  

Es ist auch ein Film über den eigenen Opportunismus. Und nur weil man in einem anderen System gelebt hat, ist es noch lange nicht ratsam, darüber die Nase zu rümpfen und zu behaupten, man hätte das anders und besser gemacht. Das genau glaube ich nicht. Opportunismus und Anpassung gibt es heute genauso wie damals in der DDR. Man kommt zum Glück dafür nicht ins Gefängnis, aber es beginnt ja schon damit, wie man seinem Chef gegenübertritt.

Jetzt wird es wieder heißen: der ostdeutsche Regisseur Andreas ­Dresen. Stört Sie das?

Das stört mich nicht, ich bin daran gewöhnt. Das können die Leute gern sagen. Das ist sogar ein Zusatz, auf den man stolz sein kann. Weil er bedeutet, über eine andere Erfahrung zu verfügen – die des Umbruchs, Transformationsprozesses. Aber es ist schon kurios: Niemand würde andersrum darauf kommen, von »westdeutschen Regisseuren« zu sprechen.

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