Kritik zu Glücklich wie Lazzaro

© Piffl Medien

2018
Original-Titel: 
Lazzaro felice
Filmstart in Deutschland: 
13.09.2018
L: 
125 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der verdiente Gewinner des Drehbuchpreises in Cannes: Alice Rohrwachers dritter Spielfilm verbindet auf sehr eigenwillige Weise erzählerischen Realismus mit Elementen des Märchens und der Heiligenlegende

Bewertung: 4
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

Der Film rückt ihn ins Zentrum, der im Leben ewig am Rande steht: Lazzaro schaut als stiller Zeuge wohlwollend auf alles, was im Kreise seiner bäuerlichen Großfamilie vor sich geht. Er erfüllt seine Pflichten ohne zu klagen, ist immer hilfsbereit, immer arglos und duldsam, verfolgt niemals eigene Interessen. Er ist derjenige, für den in einer fröhlichen Runde kein Marsala mehr übrig ist, und der trotzdem sein Lächeln nicht verliert. Böse gesagt: Lazzaro ist der Depp, den man für alles einspannen und ausnutzen kann. Nett gesagt: Er sieht nur das Gute im Menschen und kann gar nicht anders, als anderen mit Wohlwollen zu begegnen. Ein Naivling? Ein Heiliger? Wie Alice Rohrwacher den jungen Mann um die 20 in der ersten Hälfte des Films inszeniert, scheint es, als müsse die ganze Welt durch seine wachen Augen hindurchgehen, um überhaupt zu existieren.

In sehr lockerer Dramaturgie, mit deutlichen Anklängen an die italienische Filmgeschichte, schildert Rohrwacher in dieser ersten Filmhälfte das so arbeitsreiche wie bitterarme Landleben in einer kaum zu definierenden, verwunschen wirkenden Zeit. Der Ausstattung nach in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelt, scheinen die Bauern des abgeschiedenen Landguts Inviolata zugleich Gefangene in einem mittelalterlich anmutenden Feudalsystem zu sein. Wie Leibeigene werden sie von der Marchesa behandelt, die, einer bösen Märchenkönigin gleich, in ihrem kleinen, doch feinen Schloss residiert und sie ausbeutet. Weitere märchenhafte Elemente und immer wieder einen Hauch von Magie flechten Rohrwacher und ihre Kamerafrau Hélène Louvart (»Pina«) in die Bilder ein, denen das Super16-Filmmaterial eine unmittelbare, plastische Sinnlichkeit des Lichts und der Farben verleiht.

Diese eigenartige Verbindung von Nüchternheit und märchenhafter Poesie schlägt den Betrachter schnell in den Bann, und zur Faszination trägt auch Hauptdarsteller Adriano Tardiolo in seinem allerersten Auftritt als Schauspieler bei, weil er gerade durch seine Zurückgenommenheit zwischen lauter starken ländlichen »Typen« Präsenz gewinnt. Mit dem rebellischen Sohn der Marchesa (Luca Chikovani, in Italien ein YouTube-Star) erlebt Lazzaro eine ungleiche Freundschaft – bis eine heftige Wendung, zu der man nicht mehr verraten sollte, einen Schauplatzwechsel einleitet und das Wundersame auf eine neue Ebene befördert.

Die zweite Hälfte von »Glücklich wie Lazzaro« spielt dann in einer Großstadt und stellt der ländlichen Armut das neue, urbane Elend gegenüber, in dem sich Lazzaros Sippe Jahrzehnte später durchschlägt. So spiegelt der Film in komprimierter, parabelhafter Form auch den historischen Wandel, vom Feudalsystem und ländlicher Armut über die Landflucht zur Verelendung in den Städten. Eine einzelne, lakonische Szene zeigt, wer die Landarbeit heute erledigen muss: Tagelöhner aus der neuen untersten Unterschicht, den Migranten.

Insgesamt ist diese zweite Hälfte des Films nicht ganz so stark wie die erste. Etwas eindimensionaler als zuvor ist hier das Muster der Heiligenlegende auf die Jetztzeit verlegt, obwohl die Inszenierung weiterhin mit erstaunlichen Momenten aufwartet und immer wieder zu feiner, leiser Ironie findet. Wunderbar etwa eine nächtliche Szene, in der eine hochgehaltene Bratpfanne plötzlich den Mond verkörpert, ein Kamera­schwenk das städtische Elendsquartier ins alte Bauernhaus verwandelt und die Menschen, die darin sitzen, für diese eine Kamerabewegung wieder Jahrzehnte jünger sind. Die Wunder geschehen in »Glücklich wie Lazzaro« mit bezaubernder Beiläufigkeit, seine Symbolik – ein Wolf spielt beispielsweise eine Schlüsselrolle – ist meist wohltuend mehrdeutig.

So vieles Rohrwacher aber in ihrem traurig-schönen Film in der Schwebe lässt, so deutlich stellt sie Fragen, die gerade wenig beliebt und doch drängend sind: nach der Möglichkeit von Mitgefühl und von Hilfsbereitschaft ohne Bedingungen. Darüber hinaus stellt sie unsere Bilder von Helden und Heiligen, von Stärke und Schwäche ganz grundsätzlich in Frage. Diesen scheinbar naiven, wehrlosen Lazzaro – wir müssen ihn uns als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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