Kritik zu Pina

© Warner Bros./NFP

2011
Original-Titel: 
Pina
Filmstart in Deutschland: 
17.03.2011
L: 
100 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Liegt die Zukunft des Dokumentarfilms vielleicht doch in 3-D? Wim Wenders bestärkt mit seinem Film über Pina Bausch und ihre Truppe, einem langjährigen Vorhaben, seine eigene These

Bewertung: 4
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Eigentlich sollte es ein Film von Pina Bausch und Wim Wenders werden. Da die Ballettchoreographin aber im Juni 2009 überraschend, kurz vor den ersten Probeaufnahmen, starb, ist es nun ein Film von Wim Wenders für Pina Bausch geworden. 20 Jahre lang hatte der Regisseur nach einer Möglichkeit gesucht, ihr Tanztheater in Kinobilder zu übertragen, die mehr sind als nur abgefilmte Aufführungen. Als er vor vier Jahren zum ersten Mal eine Kostprobe des digitalen 3-D zu Gesicht bekam, sah er endlich eine Möglichkeit, dem Tanz gerecht zu werden, die Bewegung im Raum wiederzugeben und den Zuschauer auf die Bühne zu holen, hinein in den Aktionsraum der Tänzer.

Im ersten Schock über den plötzlichen Tod von Pina Bausch schien das Projekt obsolet geworden zu sein, bis offensichtlich wurde, dass es jetzt nur umso dringlicher geworden ist. Nun ist der Film zugleich Erinnerung und Verbeugung, und insbesondere auch der Versuch, wenigstens einen Teil des flüchtigen Bühnenwerks zu erhalten. Noch bevor sich der Regisseur darüber klar war, wie das Konzept dieses neuen Filmes aussehen könnte, begann er damit, die vier für den Film ausgewählten Stücke zu filmen.

Nun kommt »Pina« mit einer kleinen Welle eindrucksvoller Ballettfilme ins Kino, die kaum unterschiedlicher sein könnten, allesamt Filme, die nicht nur für eingefleischte Ballettfans ein Erlebnis sind. Nach Frederick Wisemans zurückhaltend beobachtender Dokumentation »La Danse«, die den Ballettbetrieb der Pariser Oper in einen filmischen Rhythmus bringt, und nach Darren Aronofskys kraftvoll und düster forderndem Psychothriller Black Swan ist jetzt auch »Pina« eine in vieler Hinsicht außergewöhnliche Erfahrung. Wenn die Tänzer über den mit Erde bestreuten Tanzboden wirbeln, wenn sie in den magnetischen Sog eines roten Tuches geraten, wenn sie voneinander angezogen und abgestoßen werden in Bauschs Interpretation von »Sacre du Printemps«, wird man auch als Zuschauer ins Spannungsfeld der Gefühle und Leidenschaften hineingezogen. Mehr als im Theater hat man das Gefühl, den Tänzern auch beim Spielen zuzuschauen, in den Bann ihrer Präsenz gezogen zu werden. Doch seine volle Wirkung kann der 3-D-Effekt erst draußen entfalten, in riesigen, von schweren, schwarzen Eisenträgern rhythmisierten Fabrikhallen, in weich geschwungenen Gartenlandschaften, die bis in die Ferne des Horizonts gestaffelt sind, oder unter der Schwebebahn im Luftraum von Wuppertal. Wim Wenders wünscht sich, man möge nach zehn Minuten vergessen, dass man in einem 3-D-Film sitzt, doch angesichts der unendlichen Tiefe der spektakulären Räume, die sich da eröffnen, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, Räume, die sich mit den Tänzern auch die Kamera erobert, und man spürt, wie beide ins Freie, in die Tiefe, in die Weite drängen, und sich befreien von den Begrenzungen der Bühne und der zweidimensionalen Leinwand.

Dabei entsteht ein subtiles Wechselspiel zwischen der Art, in der sich Pina Bausch die Elemente, die Erde, das Wasser, den schweren Felsen ins Theater geholt hat, und der Art, wie die Tänzer jetzt zusammen mit ihrem Regisseur nach draußen stürmen. Darin wiederum spiegelt sich auch Wenders zugleich respektvoller und kreativer Umgang mit dem Lebenswerk der Choreographin, denn so, wie sie ihre Stücke aus einem getanzten Frage-Antwort- Spiel mit den Tänzern heraus entwickelte, nähert sich jetzt auch er ihrem Andenken. Er befragte ihre Tänzer nach ihr und suchte anschließend für ihre getanzten Antworten die geeigneten Schauplätze, an denen sie »am besten aufblühen können«. Die Übergänge zwischen den Aufgabenbereichen von Choreograph und Regisseur werden dabei genauso fließend wie die Definitionen von Spielfilm und Dokumentarfilm.

Statt das Lebenswerk von Pina Bausch in einen festen Rahmen zu zwängen, geben Wenders und die Tänzer ihm freie Entfaltungsmöglichkeiten, als etwas, das nicht zu Ende ist, sondern weiterstrahlt. Statt Fakten zu sammeln tupfen sie viele Eindrücke und Erfahrungen zu einem pointillistischen Bild, in dem neben ihren Tänzern auch gelegentlich Pina Bausch selbst zu Wort kommt. Dabei gelingt es diesem Film sogar, die Schwere der Trauer zu überwinden, und sie in einen Triumph überzuführen.

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