Kritik zu Get on Up

© Universal Pictures

Tate Taylor (The Help) versucht die widerspenstige Variante eines Biopics und liefert ein unkonventionelles Porträt der komplexen und äußerst komplizierten Musikikone James Brown

Bewertung: 3
Leserbewertung
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2 (Stimmen: 1)

Der Film beginnt mit einer fürs Genre Biopic typischen Szene. Während aus dem Off das erwartungsvolle Publikum rhythmisch seinen Namen skandiert, schreitet der Star, in voller Bühnenmontur, durch einen langen, grauen, dunklen Gang, der von einzelnen Lichtquellen beleuchtet ist, die bereits die Bühnenspots vorwegnehmen. Es ist das Bild eines Einzelkämpfers, eines Gladiators auf dem Weg in die Arena. Und auch wenn Get on Up bis zum Filmende nicht wirklich hinter die Fassade der Musikikone James Brown blicken lässt, so versteht man doch eines: Brown war ein Einzelkämpfer, der sich durch nichts von seinem Weg abbringen ließ. »I take it and flip it«, sagt Brown in einer Szene. Es ist sein Motto und bedeutet in etwa: »Ich nehme eine Situation, wie sie ist, und auch wenn sie mir nicht gefällt, werde ich sie so drehen, dass ich sie zu meinem Vorteil nutzen kann.« Und genau das tut die Filmfigur James Brown, immer wieder – ob es sich um Filmaufnahmen handelt, Proben mit der Band oder die nächste Marketingstrategie. James Brown war seiner Zeit nicht nur musikalisch voraus, er verstand es auch als einer der Ersten in dieser Branche, seinen Namen zu schützen und für sich(!) gewinnbringend zu vermarkten.

In wilden und scheinbar willkürlichen Zeitsprüngen führt der Film von Station zu Station im Leben des »Godfather of Soul«. Es geht zurück nach Georgia ins Jahr 1988 und von dort zum Truppenauftritt in Vietnam Mitte der 60er Jahre; es gibt Szenen aus der von Armut und Missbrauch geprägten Kindheit, Szenen aus einer Haftzeit (James hatte einen Anzug gestohlen), die erste Begegnung mit Bobby Byrd (Nelsan Ellis), dem Gründer der Flames, mit denen James Brown seine ersten Erfolge feierte, Szenen mit Managern (Dan Aykroyd) und Plattenfirmenbesitzern, von Auftritten und Begegnungen mit anderen Musikikonen, Szenen mit Frauen und, und, und.
Trotz eingeblendeter Ortsnamen und Jahreszahlen will sich dabei kein Gefühl für die Chronologie dieses Lebens einstellen. Es gibt keinen roten Faden, der dem Zuschauer helfen würde, die Ereignisse zu ordnen und hinter die Maske James Browns zu blicken. So bleibt man während des Films emotional seltsam unberührt. Aber diese Wahl der offenen Dramaturgie ist auch der bewusste Versuch, den Fallen eines herkömmlichen Biopics mit seiner allzu simplen Psychologisierung und seinen sentimentalen Herleitungen zu entgehen.

Dass dieser Versuch nicht in die Irre geht, ist vor allem dem Hauptdarsteller Chadwick Boseman zu verdanken. Fast die ganzen 140 Minuten lang sieht man Boseman dabei zu, wie er seine Schultern in die eine Richtung, den Kopf in die andere windet, die Hüften dreht, mit den Füßen den Boden entlanggleitet und in einen Spagat nach dem anderen rutscht. Boseman zeigt Brown als einen sich ständig in Bewegung befindenden Körper, als eine »machine«, eine Portion »dynamite« – »funk« und »soul« in Reinform.

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