Kritik zu Für Sama

© Filmperlen

2019
Original-Titel: 
For Sama
Filmstart in Deutschland: 
05.03.2020
Heimkinostart: 
25.09.2020
L: 
95 Min
FSK: 
16

Video-Tagebuch aus Aleppo: Der Dokumentarfilm der jungen Syrerin Waad al-Kateab kontrastiert die Gräuel des Bürgerkriegs mit Szenen vom Überlebenswillen der Menschen und ihrer Humanität

Bewertung: 5
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Dieser Film ist eine Herausforderung. Waad al-Kateabs und Edward Watts Dokumentarfilm »Für Sama« ist großartig und grausam zugleich, er erzählt von Zerstörung und Zärtlichkeit, von einem systematisch betriebenen Gemetzel und starken, unbesiegbaren Gefühlen. Die Bilder erscheinen wie ein filmisches Echo der Malerei von Hieronymus Bosch, doch die Dramaturgie bestimmen der syrische Diktator Baschar al-Assad und das russische Militär, das ihn seit 2015 bei seinem Krieg gegen Teile der eigenen Bevölkerung unterstützt hat.

Al-Kateab hat, anfangs mit dem Smartphone und später mit der Kamera, fünf Jahre Krieg im östlichen Teil von Aleppo aufgenommen, unter anderem für den englischen Nachrichtensender Channel 4 News. Aus mehreren Tausend Stunden Material hat sie gemeinsam mit dem erfahrenen Dokumentarfilmemacher Edward Watts rund 300 Stunden ausgewählt und zu einem 95-Minuten-Werk verdichtet, das mit Zeitsprüngen und Rückblenden arbeitet. Es beginnt mit geradezu fröhlichen, optimistischen Aufnahmen von der Studentenrevolte 2012 gegen das Regime al-Assads. Doch die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Ende 2016 hat al-Kateab, die mit Rücksicht auf ihre Familie ein Pseudonym benutzt, mit Mann und Tochter ihre Heimat verlassen und lebt nun in London. »Abschied ist schwerer als der Tod«, dachte sie im Dezember 2016.

»Für Sama« beginnt wie eine Instagram-Präsentation. Bilder eines hübschen Mädchens erscheinen, das mit 18 ein Marketing-Studium an der Universität Aleppo beginnt. Ihre Eltern fanden, sie sei dickköpfig und leichtsinnig, berichtet al-Kateabs Stimme aus dem Off. Pass auf dich auf, hätten sie ihr gepredigt. Seit ihre Tochter am 1. Januar 2016 geboren worden sei, könne sie diese Art von elterlicher Fürsorge verstehen. Dann ein Schnitt, der Ruf »Runter, runter« und der Rückzug vor einem Panzer in den Schutzkeller. Die Insassen pflegen einen den Widrigkeiten trotzenden Humor, aber al-Kateab denkt darüber nach, in was für eine Welt sie ihre Tochter gebracht hat: »Wirst du mir das je verzeihen?«

Die eindrucksvollsten Szenen spielen in einem Krankenhaus, in dem Samas Vater Hamza als Arzt arbeitet: ein Ort, an dem es schon im Alltag um Leben und Tod geht, der sich in Zeiten des Bürgerkriegs jedoch in eine wahre Hölle auf Erden verwandelt. Die Filmemacherin konfrontiert den Zuschauer mit kaum zu ertragenden Details: mit Heckenschützen, Luftangriffen, Chlorgas, Streu- und Fassbomben, mit traumatisierten, verstümmelten und toten Kindern, mit verzweifelten, dem Wahnsinn nahen Eltern. Ihre Kamera nimmt drei Brüder, kleine Jungen, auf, deren Haus von einer Rakete getroffen wurde und die nun im Krankenhaus auf die Rettung des Jüngsten hoffen. Er stirbt kurz danach an seinen Verletzungen. Al-Kateab zeigt, wie die überlebenden Jungen den Bruder beweinen und ihrem Schmerz Ausdruck geben. 

Wird hier eine Grenze der Intimität überschritten? Nein, denn die über jeden Zweifel erhabene Anteilnahme der Frau mit der Kamera ist stets spürbar. Einen Jungen, der aus einem Fenster blickt und mit Tränen in den Augen davon erzählt, wie viele seiner Freunde er verloren hat, tröstet sie während der Aufnahme mit einer liebevollen Geste. »Von Anfang an fühlte ich mich zu Geschichten hingezogen, die vom Leben und von Menschlichkeit erzählten«, stellte die Regisseurin fest. »Ich wollte mich nicht, wie so viele Nachrichtenkanäle, auf den Tod und die Zerstörung konzentrieren.« Als Frau sei ihr in dem konservativen Stadtteil Aleppos die Lebenswelt der Frauen und Kinder zugänglich gewesen, die Männern traditionell verschlossen ist: »So konnte ich den verborgenen Alltag vieler Syrer zeigen, die inmitten des Kampfes um Freiheit versuchten, ihr Leben weiterzuleben.«

Spürbar ist auch der Mut, nicht wegzuschauen, wenn einer getöteten, im neunten Monat schwangeren Frau das Kind aus dem Leib geschnitten wird. Es dauert quälend lange, bis es ein Lebenszeichen von sich gibt. »Gut so, schrei«, sagt der Arzt. Eine Mutter hält ihr totes Kind in den Armen und ruft: »Alaa, Mama ist da, ich hab' deine Milch.« Dem begegnet al-Kateab mit Aufnahmen ihrer goldigen Tochter, die auf ganz eigene Weise auf das Chaos um sie herum reagiert: Sama weint nie. Familien werden in Aleppo auseinandergerissen, doch Waad feiert nach einem unerwarteten Antrag Hochzeit mit Hamza. Später betrachten sie das erste Ultraschallbild ihrer Tochter: Normalität im Grenzbereich menschlicher Existenz.

Diese Gegensätze prägen den Film: Leid und Tod stellt »Für Sama« Szenen von Liebe und neuem Leben gegenüber – immer in dem Bewusstsein, dass es zu jedem Zeitpunkt jeden treffen kann. »Für Sama« ist ein Liebesbrief an die Tochter, aber hätte auch der Titel einer Hinterlassenschaft für den Fall der Fälle sein können: ein elegisches Vermächtnis. Al-Kateab ist eine geborene Filmemacherin. Sie beweist in den Aufnahmen der geschundenen Stadt den Blick für suggestive, häufig poetische Bildkompositionen. Und sie erkennt intuitiv die symbolische Kraft dramatischer Situationen. Die Kamera, erinnert sie sich, sei in Aleppo Teil ihres Körpers geworden. 

Ihre Erfahrungen verfolgen sie bis in die Gegenwart, wegen Alpträumen begab sie sich in Therapie. Aber ihre Erzählungen seien so extrem gewesen, dass ihr Therapeut einen Therapeuten gebraucht hätte, vertraute sie – nicht ganz ernst – dem Londoner »Times«-Filmkritiker Kevin Maher an.

Seit sie Syrien verlassen musste, hat al-Kateab keine Kamera in der Hand gehabt. Sie wird aber als Teil eines Teams für die »Channel 4 News« arbeiten. Als sie ihren fertigen Film zum ersten Mal sah, empfand sie sich als distanzierte Beobachterin, wie eine Kritikerin des eigenen Werkes, und dachte: »Oh my God. I really think I've made a good film.«

Das ist auch der Filmwelt nicht verborgen geblieben. In Cannes wurde »Für Sama« 2019 gefeiert. Die British Academy of Film and ­Television Arts (BAFTA) verlieh ihr den Preis für die beste Dokumentation. Es folgte die Nominierung für den Oscar, der al-Kateab und Watts allerdings versagt blieb. Dennoch: Welch ein Debüt.

Meinung zum Thema

Kommentare

Wenn ich mich recht erinnere hat die Frau in Ost-Aleppo unter den Augen der IS-Herrschaft für Channel 4 gefilmt. Ich empfinde den Film als perfide britische Propagandaaktion gegen Syrien. Hier wird offensichtlich eine rührende Mutter-Kind-Geschichte instrumentalisiert. Damit sollen nach meiner Einschätzung am Verstand vorbei weltweit Emotionen für einen Regierungssturz geschürt werden. Das lassen auch die eingflochtenen Behauptungen über Assads unbewiesene Gräueltaten erkennen. Welchen Sinn macht z.B. der Einsatz primitiver "Fassbomben" für eine gut ausgerüstete Armee? Die ARD sendete nach der Befreiung Ost-Aleppos leider nur einen Beitrag über die Freude der befreiten Menschen. Dieser wurde dann in allen Medien vom Kriegsgeheul gegen Assad übertönt.

Das Konzept Erinnert stark an die Geschichte des Twittermädchens Bana, eine "Rebellen"-Tochter aus Ost-Aleppo.

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