Kritik zu Euforia

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Im neuen Film der Schauspielerin Valeria Golino wird die verschüttete Beziehung zweier ungleicher Brüder im Angesicht der Krebserkrankung des Älteren neu belebt

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Eines Abends, als er seine erste Chemotherapie hinter sich und seine Familie zurück in ihren Heimatort in der Provinz geschickt hat, ist Ettore (Valerio Mastandrea) endlich allein mit Matteo (Riccardo Scamarcio). Beinahe zumindest, aber der schlafende Freund des jüngeren Bruders stört ihre Vertraulichkeit nicht. Ettores (Valerio Mastandrea) Neugier kann sich nun Bahn brechen. Er will wissen, wie das Sexualleben des schwulen Matteo (Riccardo Scarmarcio) verläuft: Ist er der Gebende oder der Empfangende?

Das hängt immer vom Partner ab, erwidert dieser. Die unbeholfene Frage des Älteren amüsiert ihn. Er führt Ettore an der Nase herum. Du wärst genau mein Typ, hänselt er ihn. Damit fordert er dessen Ärger heraus. Eine heftige, ironische und bald zärtliche Balgerei entspinnt sich zwischen ihnen: gerade so, wie es in ihrer Kindheit war. Die Möglichkeit einer inzestuösen Verbindung zwischen ihnen steht in Valeria Golinos Film nie im Raum, wohl aber die Sehnsucht nach einer Unbefangenheit der Körper, die verloren ging.

Die Zwei haben viel aufzuholen. Sie haben sich jahrelang kaum gesehen. Erst die Nachricht vom Gehirntumor des Älteren führt sie wieder zusammen. Ihre Begegnung ist ein Kulturschock. Der Lehrer Ettore lebt in einer völlig anderen Welt als Matteo, der es in der Hauptstadt zum erfolgreichen Unternehmer gebracht hat. Das hedonistische Pensum, welches sein römisches Milieu von ihm erwartet – Partys, Drogen, flüchtige Affären –, erfüllt er gründlich. Mit derselben Entschiedenheit will der gewiefte Ideenverkäufer nun die Verantwortung für den Lebensrest Ettores tragen; auch um den Preis lässlicher, vormundschaftlicher Lügen.

Diese Konstellation erinnert an »Sein Bruder« von Patrice Chéreau: die Konfrontation unterschiedlicher Brüder, deren verschüttete Beziehung unversehens neu definiert werden muss. Golino kehrt die Mechanismen der Vereinnahmung jedoch um: Bei ihr ist es Matteo, der das Drehbuch für die letzten Monate Ettores schreiben will. Auch zwischen ihnen gibt es offene Rechnungen, aber keinen Abgrund unvernarbter Kränkungen, der mühevoll überwunden werden muss. Der wesentliche Unterschied liegt im Erzählton, welcher in Euforia brüsk und agil wechselt. Konflikte lösen sich oft in einem heiteren Nachspiel auf, die Trauer wird mit Situationskomik pariert.

Golinos lichter Film trägt seinen Titel nicht von ungefähr. Die Montage legt ein immenses Tempo vor, dessen Dringlichkeit nicht allein Ettores Schicksal geschuldet ist. In dieser Familie wirkt eine lebensbejahende Kraft. Sie ist musisch – die Mutter kann wunderbar fidel pfeifen –; in einer der schönsten Szenen ertappt Matteo den Bruder dabei, wie er im Krankenbett einen alten Laurel&Hardy-Film schaut, zu dem sie sodann beschwingt tanzen. Stilsicher schürt Golino nach solchen Momenten unverhoffter Poesie: der Euphorie, nicht allein zu sein.

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