Kritik zu Etwas ganz Besonderes

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Der neue Film von Eva Trobisch (Ivo) lief im Wettbewerb der Berlinale. Er erzählt auf impressionistische, alltagsnahe Weise von einer Großfamilie, die sich im idyllischen Thüringer Greiz mit ererbten und neuen gesellschaftlichen Problemen herumschlägt

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»Wie war’s?«, will Kati von ihrer Nichte Lea (Frida Hornemann) wissen. Woraufhin diese mit den Schultern zuckt und erwidert: »Keine Ahnung. Sie haben gefragt, was das Besondere an mir ist. Was hättest du denn gesagt?« Um keine schlagfertige Erwiderung verlegen, zählt Kati (Eva Löbau), während sie im Liegestuhl auf die Waldlandschaft schaut, ein paar Attribute auf, mit denen sie selbst nicht punkten könnte: »Dass ich über Bücher reden kann, die ich nicht gelesen habe. Dass ich mir beim Zähneputzen den Knöchel brechen kann. Dass ich fast fünfzig bin, aber keine Ohrlöcher habe.« Der Nichte rät sie: »Denk dir einfach etwas aus. Die wollen nur ’ne gute Geschichte.« Die sechzehnjährige Lea hat es in die Vorrunde einer Castingshow geschafft. Ihre schöne Singstimme hat sie zuvor schon bei gelegentlichen Auftritten mit einer Freundin in der Kneipe ihres Wohnortes präsentiert. Jetzt hat sie die Chance, beim TV-Wettbewerb in München dabei zu sein. Doch Lea ist keine Selbstdarstellerin und weiß nicht, wie sie sich geschickt in Szene setzt. Angenehm unprätentiös, ist sie dennoch frustriert darüber, dass ihr nichts eingefallen ist, was sie dem Fernsehteam um Raphael (Thomas Schubert) und Fee (Nairi Hadodo) hätte erzählen können.

Leas familiäre Lebensumstände sind unkonventionell, doch was sich zu Hause abspielt, eigne sich nicht für die »Home Stories« (so auch der englische Filmtitel), die das Fernsehteam erzählen möchte, meint Leas Vater. Leas Eltern haben sich vor kurzem getrennt. Ihre Mutter (Gina Henkel) erwartet ein Kind von einem anderen Mann, dem örtlichen Schulleiter (Florian Lukas). Weil das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter angespannt ist, lebt die Sechzehnjährige mit ihrem Vater (Max Riemelt) im Waldhotel der Großeltern. Als Lea plötzlich im Rampenlicht steht, verändert sich die Dynamik innerhalb der Familie. Beim öffentlichen Wettbewerb fiebern alle mit Lea, und die vom Auftritt der Tochter gerührten Eltern nähern sich einander an.

Mit »Etwas ganz Besonderes« hat Eva Trobisch einen eindrucksvollen Film vorgelegt, der sich durch subtile Erzählweise, starke Dialoge und die schauspielerische Leistung der Darsteller*innen auszeichnet. So unterschiedlich auch die Themen ihrer Filme sind (»Alles ist gut«, 2018, handelte von den Folgen einer Vergewaltigung, »Ivo« 2024, von einer Palliativpflegerin, die eine schwer kranke Freundin betreut), immer geht es der Regisseurin darum, die Geschichte und die Figurenkonstellation mit größtmöglicher Genauigkeit darzustellen. »Etwas ganz Besonderes«, ihr dritter Spielfilm, feierte im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale Premiere. Anschließend war in den Kritiken zu lesen, der Film erzähle eine Coming-of-Age-Geschichte. Das trifft jedoch nur zum Teil zu. Denn die Handlung des Films konzentriert sich weniger auf eine Hauptfigur als vielmehr auf das Zusammenspiel des gesamten Ensembles. »Etwas ganz Besonderes« ist in erster Linie ein Film über Familie. Die Familienmitglieder frotzeln, gehen garstig miteinander um, doch voneinander lassen können sie (fast alle) nicht. Trobisch, die auch das Drehbuch schrieb, schilderte auf der Pressekonferenz der Berlinale, wie sie die Figuren entwickelte. Zunächst habe sie für die fiktiven Figuren Briefe und Tagebücher geschrieben. Daraus entstanden die Dialoge. In den Dialogen spiegelt sich die spannungsvolle Dynamik der Beziehungen.

Schauplatz ist die malerische Residenzstadt Greiz, auch bekannt als Perle des Thüringer Waldes. Die Landschaft rahmt die naturalistisch inszenierte Handlung. Atmosphärisch dicht und feinfühlig erzählt, umspannt der Film die Blickwinkel dreier Generationen. Mehrere Perspektiven stehen gleichberechtigt nebeneinander, ostdeutsche Erfahrungen bekommen auf differenzierte Weise Raum. Den schärfsten biografischen Bruch hat Leas Großmutter Christel (Rahel Ohm) erlebt. Die Hälfte ihres Lebens hat sie im volkseigenen Textilbetrieb gearbeitet. Nach der Übernahme des Betriebs durch die Treuhand nach der Wende 1989 musste sie umsatteln. Heute ist sie Anfang sechzig und betreibt ein in die Jahre gekommenes Waldhotel, das insolvent ist. Aus Mangel an Gästen vermietet sie die Räumlichkeiten an ältere Tagungsgäste, die ihrem Enkel Edgar (Florian Geißelmann) suspekt sind, weil er sie für »Nazis« hält. Edgars Mutter Kati hat das Ende der DDR als Teenager erlebt. Sie hatte damals die Chance, ihren Heimatort zu verlassen und ihre berufliche Laufbahn unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen zu beginnen. Jetzt lebt sie wieder in Greiz und leitet das Museum im Stadtschloss, dessen Sanierung mit EU-Geldern gefördert wird. Kati will die wechselvolle Geschichte des Schlosses gleichberechtigt nebeneinanderstellen, von der herzoglichen Vergangenheit bis zu seiner Umnutzung als Textilfabrik während der sozialistischen Ära. Damit macht sie sich wenig Freunde. Christel missfällt das Geschichtskonzept der Tochter, weil sie ihre Lebenserfahrung als Textilarbeiterin nicht im Museum ausgestellt und von anderen gedeutet sehen will, und es ärgert sie, dass es für die Sanierung des Stadtschlosses EU-Förderung gibt, wohingegen ihr die Mittel fehlen, um das Waldhotel vor dem Bankrott zu retten. Auch von den Ortsansässigen wird Kati angefeindet, weil ihr Konzept nicht deren restaurativem Geschichtsbild entspricht. Ihrem Unmut machen die Ortsbewohner durch Vandalismus Luft, und Kati muss es ertragen, dass die Scheinwerfer, die das Schloss beleuchten, beschädigt werden.

Das jüngste Familienmitglied ist Henri (Yvon Sable Moltzen), Leas jüngerer Bruder. Als er geboren wurde, gab es die DDR schon lange nicht mehr. Doch wenn der Junge den anderen Familienmitgliedern erklärt, warum seine Mutter Rieke nichts von der Castingshow hält, an der Lea teilnimmt, finden sich darin Spuren ostdeutscher Prägung, die Henri durch die Äußerungen der Mutter weitervermittelt wurden. Diese beinhalten sowohl die höhere Wertschätzung des Kollektivs gegenüber dem Individuum als auch die kritische Einstellung zu den Mythen des Kapitalismus: »Sie findet es doof«, sagt Henry in Bezug auf die Castingshow, »dass es um den Einzelnen geht und nicht um die Gruppe. Und dass es Quatsch ist, dass jeder Tellerwäscher Millionär werden kann, und dass sie das nur sagen, damit sie die Leute im Griff haben.« Die scharfzüngige Kati kann sich dazu einen kritischen Kommentar nicht verkneifen: »Aha. Und was haben jetzt die Tellerwäscher mit der Show zu tun?«

Womöglich verhandelt die 1983 in Ostberlin geborene Regisseurin hier einen Konflikt unterschiedlicher Wertvorstellungen, die auch sie selbst geprägt haben mögen. Eva Trobisch hat in Interviews über den Rat ihres früheren Filmprofessors gesprochen, den sie hier versuchte zu beherzigen. Er sagte ihr, je genauer man erzähle, desto universeller könne eine Geschichte verstanden werden. Tatsächlich entfaltet »Etwas ganz Besonderes« durch seine Alltagsbeobachtungen einen Resonanzboden, der über das sozial und geografisch Spezifische der Filmhandlung hinausreicht.

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