Kritik zu Eine größere Welt

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In der Verfilmung der spirituellen Erfahrungen einer Musikerin in der Mongolei wird auf unaufdringliche Weise das Modethema Schamanismus beleuchtet

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Corine sitzt in einem Zelt in der Mongolei, wo sie für einen Dokumentarfilm die Geräusche eines schamanischen Rituals aufnehmen will. Schon bei den ersten monotonen Trommelschlägen der Schamanin beginnt die Französin unwillkürlich zu zucken und bricht schließlich in Wolfsgeheul aus. Nach dem Erwachen aus ihrer Trance legt ihr Schamanin Oyun dringend ans Herz, selbst eine Schamanenausbildung zu machen – ansonsten würde es übel für sie ausgehen. Die spektakuläre Schlüsselszene dieses Spielfilms bildet ein Erlebnis ab, das der echten Corine Sombrun 2001 widerfuhr. Sombrun hat diesen und andere spirituelle Aha-Momente – vor ihrer Reise in die Mongolei etwa im peruanischen Amazonas­dschungel mit der Droge Ayahuasca – in mehreren Büchern selbstironisch beschrieben.

Es verwundert nicht, dass sich Fabienne Berthaud für diesen Stoff interessierte, handelten doch ihre letzten Filme »Barfuß auf Nacktschnecken« und »Sky« von Frauen, die, angetrieben von Lebenskrisen, dem Ruf der Wildnis folgten. Die Heldinnen sind zwar in gewisser Weise narrenfreie Frauenfiguren, die bei ihrem Weg »zurück zur Natur« inmitten edler Wilder auch Klischees bedienen – und doch frei von billiger Esoterik sind.

Ein Großteil dieser Selbstfindungsodyssee wird durch die halbdokumentarische Beobachtung des Alltags nomadischer Rentierzüchter an der Grenze zu Sibirien bestritten, wo Corine schließlich bei Oyun in die Lehre geht. Wird diese von einer Schauspielerin dargestellt, so ist Corines Begleiterin Naraa identisch mit jener Dolmetscherin, die Sombrun vor bald 20 Jahren in die Mongolei begleitete. Es ist verblüffend, wie sehr die Rituale der in Tipis lebenden Nomaden den verwandten Ureinwohnern Nordamerikas ähneln. Wie im Liebeswestern »Sky« gilt auch hier: Was das Spirituelle angeht, wissen Indianer am besten Bescheid. Corines Lehrzeit in der ansprechend fotografierten Taiga allerdings erschöpft sich weitgehend in bäuerlichen Tätigkeiten ganz ohne Hokuspokus. Deshalb vielleicht machte Berthaud Corines Trauer um ihre große Liebe zum Motor ihrer schamanischen Initiation. Dadurch aber zwingt sie die Erfahrungen der Autorin, die als Musikerin auch nach kreativer Inspiration suchte, in ein inhaltliches Korsett. In der Filmhandlung ist Trance für Corine vorrangig ein Instrument, um mit ihrem verstorbenen Mann in Kontakt zu treten, die Tür in die Welt der Geister zu durchschreiten, unter der Gefahr, nicht mehr zurückzufinden. Das verleiht der Geschichte eine romantische Orpheus-Atmosphäre, wie überhaupt die schwarz-weißen Visionen von Liebe und Sehnsucht, mit einem Hauch Spökenkiekerei versehen, stimmungsvoll inszeniert sind.

Sombruns jahrelange Bemühungen allerdings, Trance als wissenschaftliches ­Forschungsgebiet zu etablieren und für ­Therapien nutzbar zu machen, wird durch das übermächtige Liebesdrama auf eine pflichtschuldige Fußnote reduziert. Zwar sieht man der wunderbaren Cécile de France auch beim ungeschickten Ziegenmelken gern zu – ahnt aber, dass Sombruns wahre Geschichte spannender ist.

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